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Irgendwann in den 50ern zog dann die HO (Handels- Organisation der DDR) unten ins Columbus- Haus an der Ecke Bellevuestraße ein und die DDR warb am Potsdamer Platz in großer Schrift bei den West- Berlinern: Die kluge Hausfrau kauft in der HO. Dem stellte der Westen dann ein Riesengerüst mit einem Nachrichtenlaufband in Leuchtschrift gegenüber. Auch so machte man ‚Kalten Krieg‘.
Im August 1961 wurde die Viersektoren-Stadt durch die Mauer geteilt. Und niemand konnte sich damals vorstellen,
daß am Potsdamer Platz noch im gleichen Jahrhundert neues städtisches Leben
entstehen könnte. Dazu war die politische Großwetter-Lage zwischen Ost und West zu
sehr zementiert. Die ganze Gegend wurde nach dem Mauerbau und dem Abtragen der Ruinen zur von der DDR streng bewachten Einöde mit
Todesstreifen und Panzersperren
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| 1993 bereit zum Bebauen |
Und dann im November 1989 fiel die Mauer und am 3. Oktober 1990 wurde auch die so schwergeprüfte Stadt wiedervereinigt. Der Potsdamer Platz lag plötzlich wieder im Zentrum der Stadt und harrte nur darauf, daß hier wieder urbanes Leben Einzug hält. Aber erst kam einmal Roger Waters mit Pink Floyd und führte am 21. Juli 1990 auf dem Ex-Mauerstreifen am Potsdamer Platz The Wall auf. Es war das größte Rockspektakel, das Berlin je gesehen hatte. Das ZDF übertrug das Konzert live im Fernsehen.
Nach der Wende war zunächst die Wiederherstellung der Verkehrsverbindung zwischen Ost- und
West-Berlin über die Leipziger und Potsdamer Straße eine der ersten Maßnahmen
zum Zusammenwachsen beider Stadthälften. Die Mauer und die nun störende
M-Bahn, die seit 1986 vom unteren U-Bhf. Gleisdreieck über das
Gelände bis zum Kemperplatz fuhr, wurden recht schnell abgebaut. Und so präsentierte
sich Berlins Zentrum im Jahr 1993 bereit zum Neu-Bebauen.
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| Große Stadtplanung begann |
Es traf sich gut, daß sich West-Berlins Verwaltung bereits in den 80er-Jahren einige Gedanken über die West- Berliner Seite des Potsdamer Platz gemacht hatte und ab Mai 1991 einen Senatsbaudirektor Stimmann hatte. Dennoch mußte nun eine solide Gesamt- Planung her. Und so beschließt man bereits im April 1990 in Zusammenarbeit mit dem Ost-Berliner Magistrat die Vorbereitung eines städtbaulichen Wettbewerbs zur Wiederbebauung. Bereits im Dezember 1991 gibt es ein Ergebnis: Die städtebaulichen Neuordnung des Areals soll nach dem wegweisenden Entwurf der Münchner Architekten Heinz Hilmer und Christoph Sattler erfolgen (1. Preis). Danach soll der historische Grundriß des Potsdamer Platzes und das Oktogon des Leipziger Platzes wiederhergestellt werden. Nur an der westlichen Seite des Potsdamer Platzes sollen Hochhäuser entstehen. Ansonsten bleibt es bei der Berliner Traufhöhe.
Inzwischen waren vom Senat 1990 und 1991 die Grundstücke auf der westlichen Seite des Potsdamer Platzes an die Daimler Benz AG und an den japanischen Elektronik-Konzern Sony zu einem Spottpreis verkauft worden, da diese bereit waren, sich hier sofort finanziell außerordentlich zu engagieren. Das Lenné- Dreieck wurde vom Senat an die Investoren Beisheim (Metro-Konzern), die Delbrück- Bank und an die Entwickler von 5 Stadtvillen Bischoff & Co. verkauft.
Die Berliner wunderten sich nur, daß sich andere deutsche Großkonzerne wie Siemens, Deutsche Bank oder Volkswagen nicht im Zentrum der wiedergewonnenen Hauptstadt städtebaulich engagieren mochten. Man sagte damals aber, die kommen noch, wenn es erst an die Neugestaltung des Alexanderplatzes geht. Jedenfalls hat der Japaner Norio Ohga, Chef der Sony Corp., der von 1955 bis 1957 in Berlin studierte, die Zeichen der Zeit besser erkannt und unterschrieb am 26. Juni 1991 den Grundstückskaufvertrag.
| Die Daimler-City |
Den Realisierungswettbewerb für die Gebäude der Daimler Benz AG (Debis, heute DaimlerChrysler AG) gewannen im September 1992 die Architekten Renzo Piano und Christoph Kohlbecker, die im April 1993 ihren Masterplan vorlegten. Nun konnte es mit dem Bau losgehen. Nachdem ein große Baugrube ausgehoben worden und Europas größte Baustelle eingerichtet war, wurde im Oktober 1994 für das Großprojekt eines ganzen Stadtviertels der Grundstein mit vielen (Politiker-) Reden gelegt.
Bereits nach 4 Jahren Planung plus 4 Jahren Bauzeit war das riesige Daimler- Projekt fertig, das vom Potsdamer Platz bis zum Landwehrkanal reicht (68.000 Quadratmeter). Die Baukosten betrugen rund 4 Mrd. DM. Am 2. Oktober 1998 konnte die Daimler-City mit 10 neu gebauten Straßen und 19 Häuserblöcken durch Bundespräsident Roman Herzog eröffnet werden. Mehr als 1 Million Menschen besichtigten danach am ersten Wochenende das neue Stadtviertel. Der Verkehr auf den Straßen rund um die Daimler-City kam zeitweise zum Erliegen.
Integriert in die Daimler-City sind die Arkaden am Potsdamer Platz eine dreistöckige Shopping-Mall nach amerikanischer Art. Hier gibt es vom Supermarkt (Kaiser's) bis zur Apotheke fast alles zu kaufen, sogar ein Aldi- Markt existiert. Es war aber keine gute Idee, daß man die Lebensmittel- Supermärkte im Untergeschoß ganz hinten plazierte. Denn dadurch sind sehr weite Fußwege bis zur S-Bahn zurückzulegen. Auch reichlich Kultur und Unterhaltung ist in der Daimler- City angesiedelt: Mehrere Kinos, ein Musical- Theater und die Berliner Spielbank. Im Winter findet hier nun auch die Berlinale statt. Ihre Zentrale (Debis-Haus) hat sich Daimler am anderen Ende am Ufer des Landwehrkanals gebaut. Und irgendwann wird man auch von dort mit dem Auto unter der Daimler-City im Tiergartentunnel zum neuen Lehrter Bahnhof (Hauptbahnhof) durchrauschen können.
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| Das Sony-Center |
Den Wettbwerb für die Bebauung des Sony-Areals gewannen im August 1992 die Architekten Murphy und Helmut Jahn (Chicago) mit einem futuristischen Entwurf für das 26.500 Quadratmeter-Grundstück. Als Medienkonzern will Sony in der Medienstadt Berlin am
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Das Entertainment-Center wurde im Januar 2000 eröffnet. Die große Einweihungsfeier des gesamten Sony- Centers fand dann im Juni 2000 statt. Und die Berliner strömten danach in Scharen wieder zum Potsdamer Platz, um das einmalige Bauwerk mit seinem 4.000 Quadratmeter großen lichtdurchfluteten Forum mit gefalteter Zeltüberdachung zu bestaunen. Am Rande des Forum- Platzes sind die Reste des alten Hotels Esplanade integriert. Der 1.300 Tonnen schwere neobarocke Kaisersaal des Hotels wurde 1996 wg. der Verbreiterung der Potsdamer Straße in einer spektakulären Aktion auf Luftkissen um ca. 70 Meter versetzt und dient jetzt als nostalgisches Restaurant (Café Josty). Der Büroturm ist mit 103 Meter Höhe das höchste Gebäude am Potsdamer Platz und architektonisch prägend für Berlins neues Zentrum. Eingezogen ist hier vorerst die Zentrale der Deutschen Bahn (DB).
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| Die Randbebauung |
Gegenüber der Daimler-City baute der Investor ABB/Terreno-Roland Ernst eine Randbebaung an der Köthener Straße. Den im Februar 1993 ausgeschriebenen Wettbewerb gewann im Juni 1993 der Entwurf des Architekten Giorgio Grassi (Mailand). Die Häuser wurden im Jahr 2000 fertig. Der große architektonische Wurf ist diese Bebauung nicht geworden. Die ZEIT schreibt 2000 dazu: Auch nach Osten fehlt jede Anbindung [der Daimler-City], hier markiert ein breiter Grünstreifen die Grenze, und eine Kette monolithischer Backsteinblöcke des Investors ABB/Terreno-Roland Ernst wird sich künftig wehrend vor die Daimler-City legen. Die Privatstadt bleibt also unter sich, ein geschlossenes System, und wer hinein will, der reist mit dem Auto, mit U- oder S-Bahn an.
| Das Lenné-Dreieck |
Die Gebäude auf dem ans Sony- Center angrenzenden Lenné- Dreieck, gebaut durch die Investoren Beisheim (Metro- Konzern) sowie der Delbrück- Bank, wurden bis 2004 fertig. Das
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1 = Sony-Center.
2 = Potsdamer Straße.
3 = Beisheim-Center (Lenné-Dreieck).
4 = Potsdamer Platz.
5 = Daimler-City.
6 = Alte Potsdamer Straße.
7 = Marlene-Dietrich-Platz.
8 = Tilla-Durieux-Park.
9 = ABB-Randbebauung.
10 = Leipziger Platz.
11 = Staatsbibliothek.
12 = Stresemannstraße.
13 = Zufahrt zum Tiergarten-Tunnel.
Das nebenan vom Berliner Architekten Hans Kollhoff gebaute Delbrück- Haus ist zwar seit 2003 fertig, steht aber auch 2005 noch immer leer. Die Eigner haben auf einen Innenausbau des 70 Meter hohen Hauses bislang verzichtet, da sie keine Mieter fanden. Mit der Fertigstellung des Beisheim- Centers sind alle wichtigen Bauten am Potsdamer Platz vollendet.
Im Herbst 2005 gibt es erneuten Streit um das Lenné- Dreieck. Ein Gutachten stellt
nochmals fest, daß die inzwischen bebauten Grundstücke den Erben der jüdischen
Kaufhausfamilie Wertheim zustehen. Der Berliner Senat hatte 1991 die Grundstücke an
Karstadt als Rechtsnachfolgerin der Wertheim AG gegeben (geschenkt), die diese im Jahr 2000
für 145 Mio. Euro an den Metro- Gründer Otto Beisheim verkaufte. Dieser errichtete
dann auf dem Areal für rund 450 Mio. Euro das Beisheim- Center. Auch nach einem Urteil
des Berliner Verwaltungsgerichts hatten aber nur die Wertheim- Erben Anspruch auf den alten
Familienbesitz nicht Karstadt. Nun ist guter Rat teuer.
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| Öffentliches Grün |
Im Mai 1995 schrieb Berlins Senat einen landschaftsplanerischen Realisierungs- und Ideenwettbewerb Zwei Parks am Potsdamer Platz international aus. Diesen gewann im November 1995 das niederländische Büro DS Landschapsarchitekten. Auf der Basis dieser Entwürfe entstand bis Juni 2003 der Tilla- Durieux Park zwischen Daimler- City und der Randbebauung sowie bis 2004 der Henriette Herz- Park auf dem Lenné- Dreieck. Auf dem südöstlich gelegene Gelände am Landwehrkanal entsteht zudem ab 2004 der Mendelssohn- Bartholdy Park. Hingegen ist eine Anbindung des alten West- Berliner Kulturforums (mit der Philharmonie) an das neue Stadtquartier bislang nicht gelungen.
| Pulsierendes Leben kehrt zurück |
Der Potsdamer Platz zählt Anfang des 21. Jahrhunderts zu den beliebtesten Attraktionen des Neuen Berlin. Mit seiner Mischung aus Restaurants, Imbissen, Einkaufsmöglichkeiten, Theater und Kinos sowie der gewagten neuen Architektur lockt er vor allem Touristen, aber auch manche Berliner zum Bummeln.
Wenn erst der unterirdische Regional- Bahnhof Potsdamer Platz am 28. Mai 2006 mit seinen 4 Gleisen zusammen mit dem Lehrter Bahnhof, der nun Hauptbahnhof heißt, in Betrieb geht, wird der Besucherstrom noch steigen. Denn die per Bahn anreisenden Brandenburger, Mecklenburger und Sachsen brauchen nur eine Rolltreppe hochfahren und stehen dann im Zwischengeschoß der ‚Passarelle‘ des Bahnhofs direkt vor den Türen des Sony- Centers und nach etwas Fußweg vor den großen Drehtüren der Arkaden in der Daimler- City. Hoffentlich haben sie dann noch genug Geld zum Ausgeben und Amüsieren. [Arkaden-Lageplan]
Der Potsdamer Platz hat alle Chancen, wieder zum Synonym für das pulsierende Leben der Hauptstadt zu werden. Allerdings wird in dieser Gegend noch ein richtiges Kaufhaus vermißt. Bis 1945 gab es am benachbarten Leipziger Platz das große Warenhaus Wertheim. Bislang ist aber nicht daran gedacht, dieses wieder auferstehen zu lassen ein schwerwiegender Fehler. Denn Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. In einem Kaufhaus kann man davon ausgehen, praktisch alle Produkte zu erhalten. In einer Mall muß erst mühsam danach gesucht werden. Und allzuoft wird man überhaupt nicht fündig, da es kein übergeordnetes Produkt- Management gibt. Aber seit 2006 gibt es eine Chance für ein neues Universal- Warenhaus am Leipziger Platz das Wertheim-Areal steht zum Verkauf an.
| Alles verkauft |
Die Bauherren am Potsdamer Platz hielten ihr Eigentum nur wenige Jahre zusammen. Bereits im Jahr 2008 ist alles an andere Investoren verkauft. Sowohl Daimler als auch Sony wollen sich künftig nur noch auf ihre Kerngeschäfte konzentrieren, hieß es. Das Sony Center wurde im April 2008 an deutsche und amerikanische Investoren verkauft. Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) finanzierte die 600 Millionen Euro schwere Transaktion. Erworben hat das vor 8 Jahren eröffnete Sony Center ein Konsortium, das aus einem Immobilien-Fonds der Investmentbank Morgan Stanley, dem Düsseldorfer Immobilien-Konzern Corpus Sireo und dem US-Unternehmen Jon Buck besteht.
Der Daimler-Konzern hat seine Immobilien am Potsdamer Platz (Daimler City) bereits Ende 2007 an die
schwedische SEB-Bank für 1,4 Milliarden Euro verkauft, die sie in Immobilien-Fonds packte. Daimler
will aber weiterhin Mieter in den bislang genutzten Gebäuden bleiben. Ob der Elektronikriese Sony
sein Europa-Hauptquartier im Sony Center beläßt, ist derzeit unklar. Auch wenn nun neue
Eigentümer das Sagen haben, wird es wohl bei den eingeführten Namen Daimler City
und Sony Center bleiben. Und so begang die Daimler City Anfang Oktober 2008 mit
einem großen Fest unter den geretteten Bäumen der alten Potsdamer Straße ihr
10-jähriges Bestehen.