Living in a City  —  Reports aus Berlin     – Teil 6 khd
Stand:  14.1.2013   (84. Ed.)  –  File: Heimat/B/Bln/Living_in_a_City_06.html

Auf diesen Seiten habe ich Interessantes aus meiner Heimatstadt Berlin zusammengestellt. Es handelt sich dabei vor allem um Ereignisse und Begebenheiten, die ich selbst erlebt oder beobachtet habe. Meine Reports beginnen 1945 mit dem Ende des 2. Weltkriegs. Manches ist auch noch nicht ganz fertig. So bedeutet: xxx = Text folgt demnächst.

Inhalt:   [1940er] [1950er] [1960er] [1970er] [1980er] [1990er] [2000er] [2006] [Extra]

  1. 1993 – Ein neues Berlin entsteht – Der Potsdamer Platz.
  2. 1994 – Berlins Politiker träumen von einer Superbank.
  3. 1995 – Der Lehrter Bahnhof – Berlin erhält einen Hauptbahnhof.
  4. 1996 – Berlin will ein internationales Luftfahrtkreuz in Schönefeld.
  5. 1999 – Eine Regierung findet zurück nach Berlin.



1993 — Ein neues Berlin entsteht – Der Potsdamer Platz

      Potsdamer Platz um 1928
^   Der Potsdamer Platz um 1928 mit dem berühmten Verkehrsturm. Im Hintergrund die Leipziger Straße.   (Repro: 2001 – khd)
Nach dem 2. Weltkrieg blühte in Berlins Zentrum am Potsdamer Platz – einst Europas verkehrsreichster Platz – der Schwarzmarkt. Denn hier stießen der britische und amerikanische mit dem sowjetischen Sektor aufeinander, so daß bei Gefahr leicht der Sektor gewechselt werden konnte. Die alte Bebauung war fast vollständig durch die Luftangriffe zerstört. Der Potsdamer Fernbahnhof, das Haus Vaterland, das Vox- Haus (wo 1923 Deutschlands Rundfunk begann) und auch das ‚moderne‘ Columbus- Haus waren Ruinen.

Irgendwann in den 50ern zog dann die HO (Handels- Organisation der DDR) unten ins Columbus- Haus an der Ecke Bellevuestraße ein und die DDR warb am Potsdamer Platz in großer Schrift bei den West- Berlinern: „Die kluge Hausfrau kauft in der HO“. Dem stellte der Westen dann ein Riesengerüst mit einem Nachrichtenlaufband in Leuchtschrift gegenüber. Auch so machte man ‚Kalten Krieg‘.

Im August 1961 wurde die Viersektoren-Stadt durch die Mauer geteilt. Und niemand konnte sich damals vorstellen, daß am Potsdamer Platz noch im gleichen Jahrhundert neues städtisches Leben entstehen könnte. Dazu war die politische Großwetter-Lage zwischen Ost und West zu sehr zementiert. Die ganze Gegend wurde nach dem Mauerbau und dem Abtragen der Ruinen zur von der DDR streng bewachten Einöde mit Todesstreifen und Panzersperren

Potsdamer Platz 2004
^   Der Potsdamer Platz rund 80 Jahre später im Jahr 2004. Viel Verkehr herrscht (noch) nicht. Aber die Bebauung ist nun fertig. In der Lücke stand früher der Potsdamer Fernbahnhof. Hier entsteht der Tilla-Durieux Park. Der Bahnhof ist nun unter der Erde verschwunden, wie es das Pilzkonzept der Bahn von 1992 vorsah. Damit man ihn auch findet gibt es 2 große Eingangshallen (eine davon hinter dem Bus). Rechts ist die Daimler-City. Links die viel kritisierte Randbebauung mit den „monolithischen Backsteinblöcken“ (ZEIT) der ABB/Terreno.   (Foto: 30.7.2004 – khd-304)

   
  Potsdamer Platz
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1993 bereit zum Bebauen

Und dann im November 1989
fiel die Mauer und am 3. Oktober 1990 wurde auch die so schwergeprüfte Stadt wiedervereinigt. Der Potsdamer Platz lag plötzlich wieder im Zentrum der Stadt und harrte nur darauf, daß hier wieder urbanes Leben Einzug hält. Aber erst kam einmal Roger Waters mit Pink Floyd und führte am 21. Juli 1990 auf dem Ex-Mauerstreifen am Potsdamer Platz „The Wall“ auf. Es war das größte Rockspektakel, das Berlin je gesehen hatte. Das ZDF übertrug das Konzert live im Fernsehen.

Nach der Wende war zunächst die Wiederherstellung der Verkehrsverbindung zwischen Ost- und West-Berlin über die Leipziger und Potsdamer Straße eine der ersten Maßnahmen zum Zusammenwachsen beider Stadthälften. Die Mauer und die nun störende M-Bahn, die seit 1986 vom unteren U-Bhf. Gleisdreieck über das Gelände bis zum Kemperplatz fuhr, wurden recht schnell abgebaut. Und so präsentierte sich Berlins Zentrum im Jahr 1993 – bereit zum Neu-Bebauen.

Berlins Zentrum 1993 vor dem großen Neubau
^   So sah Berlins Zentrum um den Potsdamer und Leipziger Platz 1993 aus, bevor das große Bauen begann. Der Blick reicht bis zur Friedrichstraße (Hochhaus) und Alexanderplatz (Fernsehturm). Im oberen Drittel links liegt der noch unbebaute Pariser Platz am Brandenburger Tor. Im Vordergrund links die Staatsbibliothek, gebaut in den 60er-Jahren von Hans Scharoun direkt auf der alten Potsdamer Straße.   [Dieses Foto mit Erläuterungen]   (Foto: 1993 – senstadtum)

Große Stadtplanung begann

Es traf sich gut, daß sich West-Berlins Verwaltung bereits in den 80er-Jahren einige Gedanken über die West- Berliner Seite des Potsdamer Platz gemacht hatte und ab Mai 1991 einen
Senatsbaudirektor Stimmann hatte. Dennoch mußte nun eine solide Gesamt- Planung her. Und so beschließt man bereits im April 1990 in Zusammenarbeit mit dem Ost-Berliner Magistrat die Vorbereitung eines städtbaulichen Wettbewerbs zur Wiederbebauung. Bereits im Dezember 1991 gibt es ein Ergebnis: Die städtebaulichen Neuordnung des Areals soll nach dem wegweisenden Entwurf der Münchner Architekten Heinz Hilmer und Christoph Sattler erfolgen (1. Preis). Danach soll der historische Grundriß des Potsdamer Platzes und das Oktogon des Leipziger Platzes wiederhergestellt werden. Nur an der westlichen Seite des Potsdamer Platzes sollen Hochhäuser entstehen. Ansonsten bleibt es bei der Berliner Traufhöhe.

Inzwischen waren vom Senat 1990 und 1991 die Grundstücke auf der westlichen Seite des Potsdamer Platzes an die Daimler Benz AG und an den japanischen Elektronik-Konzern Sony zu einem Spottpreis verkauft worden, da diese bereit waren, sich hier sofort finanziell außerordentlich zu engagieren. Das Lenné- Dreieck wurde vom Senat an die Investoren Beisheim (Metro-Konzern), die Delbrück- Bank und an die Entwickler von 5 Stadtvillen Bischoff & Co. verkauft.

Die Berliner wunderten sich nur, daß sich andere deutsche Großkonzerne wie Siemens, Deutsche Bank oder Volkswagen nicht im Zentrum der wiedergewonnenen Hauptstadt städtebaulich engagieren mochten. Man sagte damals aber, die kommen noch, wenn es erst an die Neugestaltung des Alexanderplatzes geht. Jedenfalls hat der Japaner Norio Ohga, Chef der Sony Corp., der von 1955 bis 1957 in Berlin studierte, die Zeichen der Zeit besser erkannt und unterschrieb am 26. Juni 1991 den Grundstückskaufvertrag.

Die Daimler-City

Den Realisierungswettbewerb für die Gebäude der Daimler Benz AG (Debis, heute DaimlerChrysler AG) gewannen im September 1992 die Architekten Renzo Piano und Christoph Kohlbecker, die im April 1993 ihren Masterplan vorlegten. Nun konnte es mit dem Bau losgehen. Nachdem ein große Baugrube ausgehoben worden und Europas größte Baustelle eingerichtet war, wurde im Oktober 1994 für das Großprojekt eines ganzen Stadtviertels der Grundstein mit vielen (Politiker-) Reden gelegt.

Bereits nach 4 Jahren Planung plus 4 Jahren Bauzeit war das riesige Daimler- Projekt fertig, das vom Potsdamer Platz bis zum Landwehrkanal reicht (68.000 Quadratmeter). Die Baukosten betrugen rund 4 Mrd. DM. Am 2. Oktober 1998 konnte die „Daimler-City“ mit 10 neu gebauten Straßen und 19 Häuserblöcken durch Bundespräsident Roman Herzog eröffnet werden. Mehr als 1 Million Menschen besichtigten danach am ersten Wochenende das neue Stadtviertel. Der Verkehr auf den Straßen rund um die Daimler-City kam zeitweise zum Erliegen.

Integriert in die Daimler-City sind die „Arkaden am Potsdamer Platz“ – eine dreistöckige Shopping-Mall nach amerikanischer Art. Hier gibt es vom Supermarkt (Kaiser's) bis zur Apotheke fast alles zu kaufen, sogar ein Aldi- Markt existiert. Es war aber keine gute Idee, daß man die Lebensmittel- Supermärkte im Untergeschoß ganz hinten plazierte. Denn dadurch sind sehr weite Fußwege bis zur S-Bahn zurückzulegen. Auch reichlich Kultur und Unterhaltung ist in der Daimler- City angesiedelt: Mehrere Kinos, ein Musical- Theater und die Berliner Spielbank. Im Winter findet hier nun auch die Berlinale statt. Ihre Zentrale (Debis-Haus) hat sich Daimler am anderen Ende am Ufer des Landwehrkanals gebaut. Und irgendwann wird man auch von dort mit dem Auto unter der Daimler-City im Tiergartentunnel zum neuen Lehrter Bahnhof (Hauptbahnhof) durchrauschen können.

Hochhäuser der Daimler-City    
^   Die Hochhäuser der Daimler-City am Potsdamer Platz, zwischen denen die Alte Potsdamer Straße bis zum Marlene-Dietrich-Platz verläuft. Der rote Büroturm (rechts) von Hans Kollhoff ist in gebrannte Klinker gehüllt. Renzo Pianos spitze Ecke (links) trägt hellen Terrakotta.   (Foto: 30.7.2004 – khd-303)
    Büroturm des Sony-Centers
^   Das den Potsdamer Platz nun architektonisch prägende 103 Meter hohe Hochhaus des Sony-Centers von Helmut Jahn. Davor ein Zugang zum neuen Potsdamer Bahnhof und zur S-Bahn. Am linken Rand das Klinker- Hochhaus der Daimler-City von Hans Kollhoff hinter der Potsdamer Straße.   (Foto: 30.7.2004 – khd-301)

   
  Sony-Center
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Das Sony-Center

Den Wettbwerb für die Bebauung des Sony-Areals gewannen im August 1992 die Architekten Murphy und Helmut Jahn (Chicago) mit einem futuristischen Entwurf für das 26.500 Quadratmeter-Grundstück. Als Medienkonzern will Sony in der Medienstadt Berlin am
      Zeltdach des Sony-Centers
^   Blick nach oben zur Zeltdach-Kuppel des Sony-Centers.   (Foto: 2000 – sony)
Potsdamer Platz ein großes Unterhaltungscenter sowie seine Europa- Zentrale bauen. Am 2. September 1998 konnte das Richtfest des 1,5 Mrd. DM teuren Bauwerks gefeiert werden. Dazu gehören neben den Bürogebäuden, ein Filmhaus (mit einer einzigartigen Marlene Dietrich- Sammlung), die Deutsche Mediathek, ein Unterhaltungsbereich mit einem modernen Kinozentrum sowie Räumlichkeiten für den Einzelhandel, für Veranstaltungen und die Gastronomie.

Das Entertainment-Center wurde im Januar 2000 eröffnet. Die große Einweihungsfeier des gesamten „Sony- Centers“ fand dann im Juni 2000 statt. Und die Berliner strömten danach in Scharen wieder zum Potsdamer Platz, um das einmalige Bauwerk mit seinem 4.000 Quadratmeter großen lichtdurchfluteten Forum mit gefalteter Zeltüberdachung zu bestaunen. Am Rande des Forum- Platzes sind die Reste des alten Hotels Esplanade integriert. Der 1.300 Tonnen schwere neobarocke Kaisersaal des Hotels wurde 1996 wg. der Verbreiterung der Potsdamer Straße in einer spektakulären Aktion auf Luftkissen um ca. 70 Meter versetzt und dient jetzt als nostalgisches Restaurant (Café Josty). Der Büroturm ist mit 103 Meter Höhe das höchste Gebäude am Potsdamer Platz und architektonisch prägend für Berlins neues Zentrum. Eingezogen ist hier vorerst die Zentrale der Deutschen Bahn (DB).

      Delbrueck-Haus
^   Das leerstehende Delbrück- Haus (rechts). Davor ein Zugang zum Potsdamer Regional- Bahnhof. Links das Beisheim- Center.   (Foto: 2004 – khd)
Die Randbebauung

Gegenüber der Daimler-City baute der Investor ABB/Terreno-Roland Ernst eine Randbebaung an der Köthener Straße. Den im Februar 1993 ausgeschriebenen Wettbewerb gewann im Juni 1993 der Entwurf des Architekten Giorgio Grassi (Mailand). Die Häuser wurden im Jahr 2000 fertig. Der große architektonische Wurf ist diese Bebauung nicht geworden. Die ZEIT schreibt 2000 dazu: „Auch nach Osten fehlt jede Anbindung [der Daimler-City], hier markiert ein breiter Grünstreifen die Grenze, und eine Kette
monolithischer Backsteinblöcke des Investors ABB/Terreno-Roland Ernst wird sich künftig wehrend vor die Daimler-City legen. Die Privatstadt bleibt also unter sich, ein geschlossenes System, und wer hinein will, der reist mit dem Auto, mit U- oder S-Bahn an.“

Das Lenné-Dreieck

Die Gebäude auf dem ans Sony- Center angrenzenden Lenné- Dreieck, gebaut durch die Investoren Beisheim (Metro- Konzern) sowie der Delbrück- Bank, wurden bis 2004 fertig. Das
Seit 1990 neu gebaute Gebäude      
^   Alle im Zentrum am Potsdamer Platz nach der Wende gebauten Gebäude. Die rote Linie zeigt den Verlauf der Mauer.
elegante Beisheim- Center im Stile der amerika- nischen Pre- Moderne wurde Anfang 2004 mit dem Nobelhotel Ritz Carlton, dem Marriott Hotel, Büros und Wohnungen eröffnet.


  1 = Sony-Center.
  2 = Potsdamer Straße.
  3 = Beisheim-Center (Lenné-Dreieck).
  4 = Potsdamer Platz.
  5 = Daimler-City.
  6 = Alte Potsdamer Straße.
  7 = Marlene-Dietrich-Platz.
  8 = Tilla-Durieux-Park.
  9 = ABB-Randbebauung.
10 = Leipziger Platz.
11 = Staatsbibliothek.
12 = Stresemannstraße.
13 = Zufahrt zum Tiergarten-Tunnel.


Das nebenan vom Berliner Architekten Hans Kollhoff gebaute Delbrück- Haus ist zwar seit 2003 fertig, steht aber auch 2005 noch immer leer. Die Eigner haben auf einen Innenausbau des 70 Meter hohen Hauses bislang verzichtet, da sie keine Mieter fanden. Mit der Fertigstellung des Beisheim- Centers sind alle wichtigen Bauten am Potsdamer Platz vollendet.

Im Herbst 2005 gibt es erneuten Streit um das Lenné- Dreieck. Ein Gutachten stellt nochmals fest, daß die inzwischen bebauten Grundstücke den Erben der jüdischen Kaufhausfamilie Wertheim zustehen. Der Berliner Senat hatte 1991 die Grundstücke an Karstadt als Rechtsnachfolgerin der Wertheim AG gegeben (geschenkt), die diese im Jahr 2000 für 145 Mio. Euro an den Metro- Gründer Otto Beisheim verkaufte. Dieser errichtete dann auf dem Areal für rund 450 Mio. Euro das Beisheim- Center. Auch nach einem Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts hatten aber nur die Wertheim- Erben Anspruch auf den alten Familienbesitz – nicht Karstadt. Nun ist guter Rat teuer. *

    Arkaden im Weihnachtsschmuck 2005
^   Die Potsdamer Platz Arkaden im Weihnachtsschmuck 2005. Hier wuselt alles wild durcheinander. Vor allem die Berlin Touristen haben sich diese prachtvolle Shopping- Mall erobert.   (Foto: 2.1.2006 18.16 Uhr – khd-984)
Öffentliches Grün

Im Mai 1995 schrieb Berlins Senat einen landschaftsplanerischen Realisierungs- und Ideenwettbewerb „Zwei Parks am Potsdamer Platz“ international aus. Diesen gewann im November 1995 das niederländische Büro DS Landschapsarchitekten. Auf der Basis dieser Entwürfe entstand bis Juni 2003 der Tilla- Durieux Park zwischen Daimler- City und der Randbebauung sowie bis 2004 der Henriette Herz- Park auf dem Lenné- Dreieck. Auf dem südöstlich gelegene Gelände am Landwehrkanal entsteht zudem ab 2004 der Mendelssohn- Bartholdy Park. Hingegen ist eine Anbindung des alten West- Berliner Kulturforums (mit der Philharmonie) an das neue Stadtquartier bislang nicht gelungen.

Pulsierendes Leben kehrt zurück

Der Potsdamer Platz zählt Anfang des 21. Jahrhunderts zu den beliebtesten Attraktionen des Neuen Berlin. Mit seiner Mischung aus Restaurants, Imbissen, Einkaufsmöglichkeiten, Theater und Kinos sowie der gewagten neuen Architektur lockt er vor allem Touristen, aber auch manche Berliner zum Bummeln.

Wenn erst der unterirdische Regional- Bahnhof Potsdamer Platz am 28. Mai 2006 mit seinen 4 Gleisen zusammen mit dem Lehrter Bahnhof, der nun „Hauptbahnhof“ heißt, in Betrieb geht, wird der Besucherstrom noch steigen. Denn die per Bahn anreisenden Brandenburger, Mecklenburger und Sachsen brauchen nur eine Rolltreppe hochfahren und stehen dann im Zwischengeschoß – der ‚Passarelle‘ – des Bahnhofs direkt vor den Türen des Sony- Centers und nach etwas Fußweg vor den großen Drehtüren der Arkaden in der Daimler- City. Hoffentlich haben sie dann noch genug Geld zum Ausgeben und Amüsieren. [Arkaden-Lageplan]

Der Potsdamer Platz hat alle Chancen, wieder zum Synonym für das pulsierende Leben der Hauptstadt zu werden. Allerdings wird in dieser Gegend noch ein richtiges Kaufhaus vermißt. Bis 1945 gab es am benachbarten Leipziger Platz das große Warenhaus Wertheim. Bislang ist aber nicht daran gedacht, dieses wieder auferstehen zu lassen – ein schwerwiegender Fehler. Denn Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. In einem Kaufhaus kann man davon ausgehen, praktisch alle Produkte zu erhalten. In einer Mall muß erst mühsam danach gesucht werden. Und allzuoft wird man überhaupt nicht fündig, da es kein übergeordnetes Produkt- Management gibt. Aber seit 2006 gibt es eine Chance für ein neues Universal- Warenhaus am Leipziger Platz – das Wertheim-Areal steht zum Verkauf an.

Alles verkauft

Die Bauherren am Potsdamer Platz hielten ihr Eigentum nur wenige Jahre zusammen. Bereits im Jahr 2008 ist alles an andere Investoren verkauft. Sowohl Daimler als auch Sony wollen sich künftig nur noch auf ihre Kerngeschäfte konzentrieren, hieß es. Das Sony Center wurde im April 2008 an deutsche und amerikanische Investoren verkauft. Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) finanzierte die 600 Millionen Euro schwere Transaktion. Erworben hat das vor 8 Jahren eröffnete Sony Center ein Konsortium, das aus einem Immobilien-Fonds der Investmentbank Morgan Stanley, dem Düsseldorfer Immobilien-Konzern Corpus Sireo und dem US-Unternehmen Jon Buck besteht.

Der Daimler-Konzern hat seine Immobilien am Potsdamer Platz (Daimler City) bereits Ende 2007 an die schwedische SEB-Bank für 1,4 Milliarden Euro verkauft, die sie in Immobilien-Fonds packte. Daimler will aber weiterhin Mieter in den bislang genutzten Gebäuden bleiben. Ob der Elektronikriese Sony sein Europa-Hauptquartier im Sony Center beläßt, ist derzeit unklar. Auch wenn nun neue Eigentümer das Sagen haben, wird es wohl bei den eingeführten Namen „Daimler City“ und „Sony Center“ bleiben. Und so begang die „Daimler City“ Anfang Oktober 2008 mit einem großen Fest unter den geretteten Bäumen der alten Potsdamer Straße ihr 10-jähriges Bestehen.


Quellen und ergänzende Links:  Erinnerungen + Presse-Artikel. (Last Update: 5.10.2008)


1994 — Berlins Politiker träumen von einer Superbank

Nach der Wende träumten Berlins Politiker Anfang der 90er-Jahre vom großen Finanzplatz Berlin mit Börse und Großbanken. Aber die deutsche Finanzwelt saß in Frankfurt am Main und mochte sich nicht mehr daran erinnern, wo sie einst ihren Sitz hatte. Am 20. Juni 1991 beschloß dann der Bundestag, daß Berlin Hauptstadt mit Sitz des Bundestags und der Bundesregierung werden wird. Und so kamen Politiker von CDU und SPD – man regierte in Berlin seit Anfang 1991 in einer großen Koalition – auf die Idee, aus den in Berlin vorhandenen Banken eine Hauptstadt- Bank mit lukrativem Format zu zimmern.

Eine BankGesellschaft Berlin wird gegründet

Kreuz der BGB      
Dieses Kreuz der Bank- Gesellschaft ist für viele Berliner das Symbol für absolut unfähige Politiker und damit der Pleite der Metropole.  
Ab 1992 beginnen dann SPD- und CDU-Politiker aus den vorhandene Teilen einen Banken- Konzern ganz nach ihren Wünschen als Holding aufzubauen. Insbesondere die Fraktionschefs des Berliner Abgeordnetenhauses Klaus Landowsky (CDU), der gleichzeitig Chef der beteiligten BerlinHyp war, und Ditmar Staffelt (SPD) betreiben die Gründung der neuen „BankGesellschaft Berlin AG“.

Am 1. Januar 1994 war es dann so weit. Alle Gesetze waren gemacht und alle Verträge waren geschlossen. Es erfolgte die Gründung der BankGesellschaft Berlin AG (BGB) als Aktiengesellschaft, unter deren Dach die öffentlich- rechtliche LandesBank Berlin (LBB) mit der Sparkasse Berlin, die marode Berliner Bank AG (BB), die Berliner Hypotheken- und Pfandbriefbank AG (BerlinHyp) und die Investitions-Bank Berlin (IBB, vormals die WBK = Wohnungsbau-Kreditanstalt) zusammengefaßt werden. Das Ziel der Großen Koalition unter dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU): Eine schlagkräftige Hauptstadt- Bank mit überregionalen Ambitionen, die reichlich Gewinn für den Berliner Haushalt abwirft. Erster Aufsichtsratschef wird Ex-Daimler- Chef Edzard Reuter (SPD), der etwas für Berlin tun wollte.

Augen zu und durch

Allerdings sahen die handelnden Figuren nicht die Probleme (oder sie wollten sie nicht sehen), die durch den Mix von öffentlich-rechtlicher LandesBank und privatwirtschaftlicher BankGesellschaft heraufbeschworen wurden. Das Berliner Landesarbeitsgericht stellt 1996 in einem Prozeß sogar fest, daß die Konstruktion des BGB- Konzerns, mit der die auf öffentliche Interessen gerichtete LandesBank einer auf Gewinnerzielung orientierten Aktiengesellschaft untergeordnet wurde, schlichtweg „verfassungswidrig“ sei. Denn das Durcheinander der unterschiedlichen Weisungs- und Kontrollmechanismen von Anstalts- und Aktienrecht sowie der diversen Regelungen von Beteiligungs- und Interessenwahrungs- Verträgen führe dazu, daß im Ergebnis keine wirksame Kontrolle des Konzerns mehr möglich sei.

Aber die Berliner Landesregierung ignorierte solche Hinweise. Denn sie erhofft sich, durch die Gewinne der Superbank ihre wg. des Ausfalls von Bundeshilfe immer größer werdenden Haushaltslöcher stopfen zu können. Und dabei sollte nach den Vorstellungen der BGB das (spekulative) Immobiliengeschäft zur besonders kräftig sprudelnden Geldquelle werden.

Die BGB ist eine Skandal-Bank

Nach fast 10 Jahren stellt sich dann heraus: Die BankGesellschaft ist tatsächlich zu einer sprudelnden Geldquelle geworden – vor allem für die
Manager der Bank, für befreundete Politiker und Unternehmer. Nur in den ersten Jahren war die BGB für das Land gewinnbringend. Bis 1999 flossen rund 400 Mio. Euro in die Landeskasse. Dennoch entwickelte sich der BGB-Konzern zu einem Moloch, der nicht mehr zu steuern und zu kontrollieren war. Und keiner der vielen Aufsichtsräte will später von den massiven Unregelmäßigkeiten je etwas bemerkt haben.

Das totale Mißmanagement der BGB- Tochter IBG bei den vielen geschlossenen Immobilien- Fonds – den „Rundum-sorglos-Fonds“ – brachte das Faß zum Überlaufen. Es führt 2001 dazu, daß die BankGesellschaft Berlin (BGB) nur noch mit Milliarden- Hilfen aus dem Berliner Steuertopf vor der Pleite bewahrt werden kann. Die Bankenaufsicht stand schon bereit, die BGB dicht zu machen. Der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) wird im Juni 2001 von SPD, Grünen und PDS per Mißtrauensvotum abgewählt.

BGB-Verluste werden sozialisiert

Die BGB hinterläßt 2001 Verluste von voraussichtlich 20 bis 30 Mrd. Euro – vielleicht aber auch noch mehr. Keiner kann das so genau sagen. Denn die BGB hat mit ihren Töchtern ein Riesengestrüpp von Gesellschaften gegründet. Deren Verluste soll nun die Berliner Bevölkerung bezahlen. Die „Superbank“ braucht sich in den nächsten 30 Jahren über den Schuldenberg keine Sorgen zu machen, denn Berlins Regierung hat ihr im April 2002 per Gesetz eine
„Risiko- Abschirmung“ von 21,6 Mrd. Euro zugesagt. Statt der BGB ist nun Berlin pleite. Und Berlin muß auch deshalb sparen – „bis es quietscht“ (Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister, SPD). In der Hauptstadt macht sich die Armut breit.

BGB übertrifft sich selbst

Mitte November 2005 verkündet BGB-Chef Hans-Jörg Vetter, die BankGesellschaft Berlin habe 2005 deutlich mehr verdient als prognostiziert. Damit sei die Sanierung der Bank abgeschlossen und der Arbeitsplatzabbau sei zu Ende. Im Laufe der rund 4-jährigen Sanierung schrumpfte die Mitarbeiterzahl des Konzerns von damals rund 17.000 auf etwa 8.200. Ob damit nun tatsächlich Entwarnung gegeben werden kann, muß abgewartet werden. Denn noch steht der Verkauf des gesamten Bank- Konzern an, wobei allerdings die gesamten Restrisiken in öffentlich-rechtliche Auffanggesellschaften ausgelagert worden sind
*. Berlin bleibt also auf dem von der BGB reichlich produzierten Mist und den vielen Schrott-Immobilien noch jahrelang sitzen. [Aktuelles]


Quellen und ergänzende Links:  Erinnerungen + viele Recherchen für die Skandal-Chronik. (Last Update: 24.8.2007)


1995 — Der Lehrter Bahnhof – Berlin erhält einen Hauptbahnhof

      Lehrter Bahnhof 2004 im Bau
^   Geht es nach dem Willen der Deutschen Bahn, dann dürfen ab 28. Mai 2006 keine Fernreisenden in Berlin in dieser grandiosen Glashalle des neuen Lehrter Bahnhofs ankommen oder abfahren. Sie müssen alle in den Keller... In der Halle sollen nur noch Regionalzüge und die S-Bahnen halten. Letztendlich hatte die Bahn doch noch ein Einsehen und beließ den Fernverkehr in Richtung Westen auf der Stadtbahn – jedenfalls vorerst. Der mit »DB« verzierte Turm ist ein Kamin, über den der Auto-Mief aus dem Tiergartentunnel abziehen soll. [mehr(Foto: 2004 – DB)
Der
Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 sowie die daraus resultierende Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 machten es möglich: Im Raum Berlin konnte das Eisenbahnwesen endlich auf einen modernen Stand gebracht werden.

Großes ist geplant

Um die richtigen Konzepte für die Metropole Berlin wurde Anfang der 90er-Jahre heftig gestritten. Ein von sachkundigen Bürgern vorgeschlagenes dezentrales „
Ringkonzept“ (ohne Tunnelbau) sei nicht teuer genug gewesen, sagt man. Durchgesetzt hat sich dann das sogenannte „Pilzkonzept“, das einen zentralen Knoten mit verteilten Ergänzungsbahnhöfen und einer Nord- Süd- Unterquerung der City und Spree vorsieht. Der zentrale Kreuzungsbahnhof soll als neuer Lehrter Bahnhof an der Stadtbahn am Humboldthafen in der Nähe des um den alten Reichstag geplanten Regierungsviertels entstehen.

Ein Kreuz für Europa

Über 15 Jahre wurde dann an diesem größten europäischen Kreuzungsbahnhof samt
Eisenbahntunnel geplant und gebaut, bis er am 28. Mai 2006 mit einigen Jahren Verspätung – gerade noch rechtzeitig vor dem Beginn der Fußball- Weltmeisterschaft 2006 – in Betrieb gehen konnte. Denn wieder einmal zeigte sich, daß das Bauen in Berlins Untergrund wg. des hohen Grundwasserstands schwierig ist. Sogar die Spree mußte für den Bau der großen unterirdischen Bahnhofshalle umgeleitet werden. [Die Chronologie des Baues]

Berlins Hauptbahnhof

Mit dem neuen Lehrter Bahnhof erhält die Hauptstadt erstmals in der Geschichte einen Hauptbahnhof. Und so nennt ihn nun auch die Deutsche Bahn. Der Name „Lehrter Bahnhof“ wurde von der Bahn getilgt. Schließlich übernehme der neue Bahnhof die Funktion von gleich 5 früheren Kopf-Bahnhöfen (Lehrter Bhf., Hamburger Bhf., Stettiner Bhf., Anhalter Bhf. und Potsdamer Bhf.), heißt es. Dennoch wird er bei den Berlinern der ‚Lehrter‘ bleiben, denn die Berliner lassen sich schließlich von einer Bahn keine Vorschriften machen. Das zeigt auch der
anhaltende Protest gegen das von Bahnchef Mehdorn angeordnete Nichthalten aller ICEs im Bahnhof Zoo. Eine der größten Fehlentscheidungen ist aber, daß die den Nord- mit dem Südring über den Hauptbahnhof verbindende S-Bahnline S 21 nicht zusammen mit dem Hauptbahnhof in Betrieb gehen konnte – sie wurde aus nicht nachvollziehbaren Gründen garnicht erst gebaut.

Lob und Kritik

Die
Architektur-Kritik war dennoch überwiegend voll des Lobes über das gelungene Symbol der Verknüpfung des europäischen Eisenbahnverkehrs des Star-Architekten Meinhard von Gerkan (gmp). Kritik wurde an der Bauausführung durch die selbstherrliche Bahn laut, da diese das Ost-West-Glasdach aus fadenscheinigen Gründen um 130 Meter kürzte und der unteren Bahnhofshalle nur eine Flachdecke von der Stange zubilligte. Und nach der Inbetriebnahme fielen dann einige Macken des Bahnhofs auf, die eigentlich alle vermeidbar gewesen wären. Mit dem ‚Hauptbahnhof‘ ist der Eisenbahn-Knoten Berlin aber noch längst nicht fertig: Es gibt noch reichlich zu tun.


Quellen und ergänzende Links:  Erinnerungen + viele Recherchen für die Chronik. (Last Update: 10.6.2006)


1996 — Berlin will ein internationales Luftfahrtkreuz in Schönefeld

      Geplanter Flughafen BBI
^   In Berlin-Schönefeld geplanter futuristischer Großflughafen „Berlin Brandenburg International“ (BBI). Die Planungen für den 30-Millionen- Passagier-Flughafen begannen 1991. Aber auch 2013 ist der Flughafen noch immer nicht fertig.   (Foto: 2003 – mopo)
Noch im Rausch der Wiedervereinigung wird in Berlin Anfang der 1990er-Jahre nicht nur ein großes
Eisenbahnkreuz mit Hauptbahnhof sowie die Ausrichtung der „Olympischen Spiele“ für 2000 geplant. Die Metropole soll nun auch ein international bedeutsames Luftfahrtkreuz erhalten. Man träumt sogar von Dimensionen des Flughafens Chicago mit 60 Mio. Passagieren pro Jahr. Dazu wird im Dezember 1991 eine „Berlin Brandenburg Flughafen Holding“ (BBF) von Berlin, Brandenburg und dem Bund gegründet.

Ein Standort wird gesucht

Reichlich Streit zwischen Berlin und Brandenburg gibt es dann um den Standort, obwohl in einem von Brandenburg durchgeführten Raumordnungsverfahren der Aus- und Umbau des rund 30 km südlich vor Berlin gelegenen Militärflughafens Sperenberg als der ideale Ort von Experten festgestellt worden war. Geprüft wurden die Standorte Jüterbog-Ost, Schönefeld und Sperenberg. Und so setzt das Land Brandenburg auf ein internationales Luftfahrtkreuz mit 50.000 neuen Arbeitsplätzen in Sperenberg. Es sei von Berlin aus per Schnellbahn über eine revitalisierte Dresdner Bahn via Zossen und die Trasse der preußischen „Kanonenbahn“ gut zu erreichen, hieß es damals. Die Fahrtzeit würde etwa 30 Minuten bis zum künftigen Hauptbahnhof im
Regierungsviertel betragen.

Für den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) war nun guter Rat teuer, denn das war ihm viel zu weit weg von Berlin. Und so wurde von ihm am 26. Mai 1996 quasi per Ordre de Mufti zusammen mit Matthias Wissmann (CDU, Bundesverkehrsminister) und dem zur Zustimmung genötigten Manfred Stolpe (SPD, Ministerpräsident von Brandenburg) der Aus- und Umbau des am südöstlichen Stadtrand gelegenen ex-DDR- Flughafens Berlin- Schönefeld (SXF) politisch angeordnet.

Großes ist geplant

Gebaut werden soll dort ganz dicht bei der Stadt ein riesiger ‚Single-Airport‘ mit 2 unabhängig von einander nutzbaren Start- und Landebahnen [Ed-2006: was natürlich reichlich Lärmbelästigung für alle Süd-Berliner bedeuten wird, da bei dieser Betriebsart – anders als bisher in SXF – abknickende Flugrouten erforderlich werden], die den gesamten Berliner Flugverkehr abwickeln sollen. Im Gegenzug sollen die Stadtflughäfen
Tempelhof (THF) und Tegel (TXL) nach Fertigstellung des neuen Flughafens geschlossen werden.

   
  Flughafen BBI
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Daraufhin soll in Schönefeld bis 2007 der Großflughafen „Berlin Brandenburg International“ (BBI) in privater Regie entstehen, denn Geld haben beide verarmten Bundesländer nicht. Reichlich Konsortien aus dem In- und Ausland haben ein Interesse am Bau und Betrieb des neuen Flughafens. Und so wird im September 1996 das Privatisierungsverfahren eingeleitet, das dann 2002/03 im totalen Chaos mit Betrug, Korruption und viel Geld- und Image- Verlusten endet. Genau beschrieben ist das in der „BBI-Chronique scandaleuse“ der zuständigen Bürgerinitiative BVBB. Die Privatisierung wird im Mai 2003 wg. Erfolglosigkeit ag. der Unfähigkeit der Wirtschaft abgebrochen. Man setzt seitdem auf den Bau und Betrieb in staatlicher Regie.

Grünes Licht für den BBI-Bau

Im juristischen Tauziehen um den BBI gab dann das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig im März 2006
grünes Licht für den Bau des internationalen Hauptstadt-Airports in Schönefeld. Die Richter verlangten allerdings Nachbesserungen beim Lärmschutz für die Anwohner, da die Planungsbehörden diesen – trotz des jahrelangen Vorlaufs – nicht ausreichend berücksichtigt hatten. Schon im Sommer sollten die Bagger anrollen, aber es wurde Herbst bis am 5. September 2006 der offizielle Baubeginn mit dem 1. Spatenstich gefeiert werden konnte.

Kommt eine „Jobmaschine“?

Nun solll der Großflughafen mit Eisenbahnanschluß bis 2011 fertig sein. Am 30. Oktober 2011 wolle man die Eröffnung feiern, heißt es. Ob der neue Flughafen aber zu der die gesamte Brandenburger und Berliner Wirtschaft befruchtenden „
Jobmaschine“ mit den nunmehr nur noch 40.000 neuen Arbeitsplätzen wird, das muß abgewartet werden. Als besonders hinderlich könnte sich dabei das vom Bundesverwaltungsgericht verhängte Nachtflugverbot herausstellen. Aber das hätte dann die Politik zu verantworten, die mit dem Flughafen nicht weiter vor die Stadt (nach Sperenberg) ziehen wollte.

Lärmärger mit den abknickenden Flugrouten

Natürlich wurde der neue BBI nicht im Herbst 2011 eröffnet. Schon vorher wurde der Eröffnungstermin neu auf den 3. Juni 2012 verlegt. Dafür wachten endlich die Süd-Berliner und Stadtrand-Brandenburger auf. Denn erst 2011 bemerkten sie, daß der Flugverkehr vom neuen Großflughafen für sie mächtig Lärm wg. der (bereits
2006 erwähnten) „abknickenden Flugrouten“ bedeutet. Es bildeten sich etliche neue Bürgerinitiativen, die nun noch mit massiven Protesten retten wollen, was noch zu retten ist.

Eröffnung 2012 und 2013 geplatzt

Anfang 2012 wurde bekannt, daß der neue Flughafen in Schönefeld das offizielle Kürzel „BER“ tragen wird („BBI“ ist damit tot). Aber der Knaller – eine Riesen-Blamage für Berlin – ereignete sich am 8. Mai 2012, als urplötzlich der Eröffnungstermin 3. Juni 2012 abgesagt wurde. Er mußte abgesagt werden weil vieles nicht fertig war. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Ende 2012 wurde deutlich, daß auch der anvisierte Eröffnungstermin 23. Oktober 2013 nicht zu halten sein würde. Anfang 2013 wurde deshalb die Eröffnung auf unbestimmte Zeit vertagt, denn der gesamte Flughafen muß zunächst umgebaut werden, um endlich sicher zu werden.

(weiteres folgt demnächst).


Quellen und ergänzende Links:  Erinnerungen + mein Archiv. (Last Update: 14.1.2013)


1999 — Eine Regierung findet zurück nach Berlin

      Dem Deutsche Volke
Im November 1989 war die
Mauer gefallen, im März 1990 wählten sich die DDR-Bewohner eine erste demokratische Regierung, am 1. Juli 1990 wurde die D-Mark in der DDR eingeführt – die beiden Deutschland befanden sich auf dem Weg der Vereinigung. Auch die 4 Alliierten gaben in den „2-plus-4“- Verhandlungen ihr Okay zum Herstellen der Deutschen Einheit, die dann in der Nacht zum 3. Oktober 1990 formal und feierlich vor dem Berliner Reichstag vollzogen wurde (Willy Brandt: „Nun wächst zusammen, was zusammengehört“). Und am 3. Oktober 1990 – dem „Tag der Einheit“ – war auch der Viermächtestatus Berlins erloschen und Berlin gehörte endlich voll und ganz zur Bundesrepublik.

Berlin soll als Hauptstadt verhindert werden

Plötzlich hatten aber (west-) deutsche Politiker (und auch so manche Journalisten) ein Problem: Soll Berlin wieder Hauptstadt mit dem Sitz der Bundesregierung werden? Eine Frage, die Bürger, die die 45 Jahre nach dem 2. Weltkrieg politisch sehr bewußt erlebt hatten, überhaupt nicht verstanden. Denn für sie war die Antwort völlig klar: Berlin wird wieder Hauptstadt des neuen Deutschlands, und die Regierung muß von Bonn nach Berlin umziehen – komplett. In vielen Reden hatten Politiker aller Couleur seit 45 Jahren immer wieder Deutschlands Einheit mit der Hauptstadt Berlin beschworen. Und mit einem Mal sollte das alles ‚April-April‘ gewesen sein?

Ein unsinniger Streit

Es entwickelte sich ein Riesenstreit um die Hauptstadtfrage, der im Ausland nur ein Kopfschütteln hervorrief. Die politischen Lager zerfielen parteiübergreifend in zwei Blöcke: Ein Block Pro-Bonn und ein Block Pro-Berlin. Und sehr schnell wurde dann das Ansinnen laut, man müsse im Deutschen Bundestag über die Frage der Hauptstadt abstimmen und sowieso ein richtiges Gesetz dazu machen.

Vergessen hatten die Politiker, daß der Deutsche Bundestag bereits am 3. November 1949 mit überwältigender Mehrheit klar und eindeutig beschlossen hatte: „Die leitenden Bundesorgane verlegen ihren Sitz in die Hauptstadt Deutschlands Berlin, sobald allgemeine, freie, gleiche, geheime und direkte Wahlen in ganz Berlin und in der sowjetischen Besatzungszone durchgeführt sind.“

Pro-Bonn Pro-Berlin
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit!
  • Blüm (CDU)
  • Bötsch (CSU)
  • Ehmke (SPD)
  • Mathäus-Maier (SPD)
  • Adam-Schwätzer (FDP)
  • Müntefering (SPD)
  • Rau (SPD)
  • Pflüger (CDU)
  • von Weizsäcker (CDU)
  • Kohl (CDU)
  • Brandt (SPD)
  • Schäuble (CDU)
  • Thierse (SPD)
  • Hirsch (FDP)
  • Uhlmann (Grüne)
  • Vogel (SPD)
  • Am 20. Juni 1991 war dann diese an sich völlige überflüssige Abstimmung im Bundestag in Bonn. Mit äußerst knapper Mehrheit (338 zu 320 Stimmen) stimmten die Volksvertreter nach heftiger Debatte am späten Abend für Berlin. Der Deutsche Bundestag und große Teile der Bundesregierung werden bis 1999 nach Berlin umziehen. Berlin wird die Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands (bereits im Einigungsvertrag mit der DDR vom 31. August 1990 vorgesehen), so wie es fast alle Politiker nach 1945 versprochen hatten. Der Bundesrat und einige Ministerien (Bildung und Forschung – Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit – Gesundheit – Ernährung, Landwirtschaft, Forsten – Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung – Verteidigung) sollen aber zur Beschwichtigung der Bonn-Befürworter in der alten Hauptstadt verbleiben. Auch wurde Bonn mit 2,8 Mrd. DM abgefunden.

    Dann war Bauen angesagt

    Der Reichstag im Bau      
    ^   Der Reichstag wurde 1995 von den Christos künstlerisch verpackt und seit April 1996 nach Plänen des britischen Architekten Norman Foster modernisiert. Die begehbare gläserne Kuppel wird zum Wahrzeichen des neuen Regierungsviertels werden.   (Foto: 1998 – mopo)
    Am 10. März 1994 verabschiedet der Bundestag dann dieses Berlin/Bonn- Gesetz, das die rechtlichen Voraussetzungen für die Realisierung des Berlin- Beschlusses regelt. Da ist Bundespräsident Richard von Weizsäcker längst in Berlin angekommen. Es sollte aber noch gut 5 Jahre dauern, bis die anderen Bonner die Koffer packten und nach Berlin umzogen. Denn zunächst mußte in Berlin erst einmal ordentlich gebaut werden, der Reichstag 1995 von Christo und Jeanne-Claude künstlerisch verpackt, ausgepackt und danach mit einem neuen Plenarsaal und einer
    neuen Kuppel versehen werden. Es mußte auch ein neues Kanzleramt sowie viele Büros im „Band des Bundes“ für die Abgeordneten gebaut werden. Auch müssen in Berlin viele alte DDR- Ministerien modernisiert werden.

    Und um das alles zu koordinieren, wurde sogar ein besonderer Umzugsbeauftragter ‚eingestellt‘. Diesen Job erledigte der Ex-Umweltminister Töpfer (CDU) mit Bravour. Er legt auch den Grundstein dafür, daß auch der Bundesrat nach 1999 recht schnell nach Berlin umziehen konnte. Geplant war eigentlich, diesen in Bonn zu belassen, was vor allem Bayern nicht so recht gefiel.

    Ein Mammut-Umzug

    Es wurde dann im Sommer 1999 ein Mammut-Umzug, der am 1. Juli begann. Mehr als 50 Institutionen und mehrerer Tausend Staatsdiener wurden von Bonn nach Berlin versetzt. Allein im Bundestag waren rund 5.000 Mitarbeiter von dem Umzug betroffen. Es mußten 50.000 Kubikmeter Umzugsgut – darunter allein 40 km laufende Bücher und 10 km Akten – nach Berlin gebracht werden. Spätestens Ende 2001 soll auch der aufwendige Neubau des Bundeskanzleramts („Die Waschmaschine“) im Spreebogen bezugsfertig sein. Deshalb zog der Bundeskanzler 1999 zunächst in Honneckers Regierungssitz am Schloßplatz 1.

    Parlament und Regierung sind doch noch angekommen

    Seit dem 1. September 1999 wurde Deutschland wieder von Berlin aus regiert. Und am 6. September 1999 konnte die erste Sitzungswoche des Deutschen Bundestags im umgebauten Reichstagsgebäude beginnen, auch wenn noch nicht alles ganz fertig war. Regierung und Parlament hatten unter vielen Geburtswehen doch noch zurück in Deutschlands einzige Metropole gefunden. Gekostet hat dann alles zusammen unterm Strich 20 Milliarden DM (rund 10 Mrd. EUR). [
    Das neue Regierungsviertel im Spreebogen] [Fotostrecke]

    Unvergessen bleibt aber . . .

          Neue Reichstagskuppel
    ^   Die neue begehbare Reichstagskuppel wurde zu dem Wahrzeichen des Regierungsviertels.   (Foto: 2006 – mopo)
    Für (West-)Berliner bleibt aber aus der unendlichen Umzugsstory die bittere Erkenntnis, daß man sich auf die Hälfte der deutschen Politiker nicht verlassen kann – wenn's drauf ankommt agieren sie völlig unglaubwürdig und egoistisch. Immerhin harrten ja die West- Berliner in großer Zahl in Berlin trotz aller Widrigkeiten aus, um für alle die Option auf ein wiedervereinigtes, freies Deutschland mit Berlin als Regierungssitz offenzuhalten. Sie hätten ja auch alle in die
    Lüneburger Heide auswandern können . . .

    Und auch deshalb ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann auch die noch in Bonn verbliebenen Ministerien nach Berlin umsiedeln werden. Denn mit dem Geld der doppelten Ministeriums- Führung kann wirklich Sinnvolleres finanziert werden. Auch braucht Berlin dringend einen deutlichen Zuwachs an Kaufkraft und Arbeitsplätzen.

    Für immer geteilte Hauptstadt?

    Anfang Januar 2006 wird dann das Ansinnen des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen (NRW)
    bekannt, die Teilung der Regierungsaufgaben zwischen Berlin und Bonn in die Verfassung aufzunehmen. Das heißt: Im Rahmen der anstehenden ‚Föderalismus-Reform‘ soll im Grundgesetz von der Großen Koalition auf Dauer explizit festgeschrieben werden, daß 6 Bundesministerien (Bildung, Entwicklung, Ernährung, Gesundheit, Umwelt, Verteidigung) auf Dauer in Bonn verbleiben. Ob NRW auch bereit ist, die Mehrkosten des Bundes auf Dauer zu übernehmen, wurde nicht mitgeteilt.

    Die Berliner Zeitung kommentierte das so: „Die Wiedervereinigung hat zusammengeführt, was zusammengehörte, nicht nur das Land, auch die Hauptstadt. Also ergab sich die Notwendigkeit, das Geeinte wieder zu trennen. Berlin geeint, die Hauptstadt geteilt – so viel Föderalismus aber hätten nicht einmal die Alliierten [nach 1945] verlangt.“ *


    Quellen und ergänzende Links:  Erinnerungen + mein Archiv. (Last Update: 3.11.2009)


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