Diese Seite ist Teil eines Berlin-Reports. Hier finden Sie die Erklärung dafür, warum in der Rahmen- Story von Lüneburger Heide die Rede ist. Mitsind weiterführende Links angegeben. (xxx = das folgt demnächst)
| West-Berlin Die Stadt sollte mal in die Lüneburger Heide umziehen |
Es klingt absurd, aber Ende der 1950er-Jahre war der Vorschlag ziemlich real. Um sich politisch viele Nerven und immer neue Berlin-Krisen zu ersparen, sollte in der Lüneburger Heide ein Neu-Berlin entstehen und die Bevölkerung der westlichen Halbstadt komplett dorthin umgesiedelt werden.
Wie kam es zu dieser Idee?
Am 27. November 1958 stellte Chruschtschow in einer Note an die Westmächte sein Berlin-Ultimatum und löste damit eine neue Berlin-Krise aus. Beabsichtigt war die einseitige Aufkündigung des Viermächtestatus für Berlin und Deutschland als Ganzes durch die Sowjetunion. West-Berlin sollte eine Freie Stadt werden, also in eine selbständige politische Einheit umgewandelt werden. Die West-Alliierten sollten aus Berlin abziehen. Die Sowjetunion wollte damit doch noch erreichen, was ihr mit der Blockade West-Berlins 1948/49 nicht gelang.Ein Ansinnen, dem weder die Berliner noch die West-Alliierten und die Bundesrepublik zustimmen konnten, denn West-Berlin umgeben von der DDR (Deutsche Demokratische Republik) wäre damit vogelfrei geworden, hieß es damals. Mit dieser Bedrohung bahnte sich erneut ein Konflikt mit den Sowjets an. Das konnte sogar Krieg oder zumindest eine neue Blockade bedeuten. Die sehr entschiedene Ablehnung der 3 Westmächte und des Regierenden Bürgermeisters von West-Berlin, Willy Brandt (SPD), führte aber dazu, daß das Ultimatum nach einem halben Jahr ergebnislos verstrich.
Ein Artikel gibt Aufschluß
Dennoch begannen auch Überlegungen in einer deutsch-alliierten Arbeitsgruppe, wie man der neuen sowjetischen Herausforderung (alternativ) begegnen konnte. Der SPIEGEL-Artikel Der Brandt-Brief aus dem Jahr 1960 (Heft 40/1960) gibt zur damaligen Situation einigen Aufschluß:
B E R L I N - S I C H E R H E I TDer Brandt-Brief
Aus: Der Spiegel 28. September 1960, Seite 25. [Original]BONN. Im Urlaubsquartier zu Cadenabbia hat Konrad Adenauer einen Böller präpariert, der, wenn er öffentlich losgeschossen wird, den Mantel ansengen soll, den Willy Brandt sich um die Schultern drapierte, um damit als. Schutzheiliger Berlins und Ritter ohne Furcht und Tadel vor das Bundestagswahlvolk zu treten.
In einem barschen Brief bezichtigte Konrad Adenauer seinen Wahlkonkurrenten Brandt, er vernachlässige die Sicherheit der Berliner und lasse es an der gebotenen Zusammenarbeit mit ihm, dem Kanzler, fehlen. Das Schreiben ist einstweilen unveröffentlicht, aber es trägt weder einen "Geheim" noch einen "Vertraulich"-Vermerk, so daß es bei Bedarf jederzeit ohne Schwierigkeiten publiziert werden kann.
Der Kanzler hat in seinem Brief sehr prekäre Probleme der Berliner Sicherheit angesprochen, wie sie seit langem in allen möglichen deutsch-alliierten Gremien diskutiert werden mit dem Ziel, für alle Eventualitäten gerüstet zu sein, die sich aus Ulbrichtschen Provokationen ergeben könnten.
Wichtigstes Gremium ist eine deutschalliierte Arbeitsgruppe, die in Washington, Paris oder Bonn tagt und in der die Bundesrepublik zunächst durch den Bonner Amerika-Botschafter Professor Grewe, später durch den Amerika-Referenten des Auswärtigen Amtes Faber und schließlich durch Legationsrat Oncken vertreten wurde.
Das Gremium befaßte sich um die Jahreswende 1958/59, kurz nach Chruschtschows Berlin-Ultimatum, beispielsweise mit der Frage, ob die Berliner Bevölkerung während einer neuen sowjetischen Blockade der Stadt wenigstens teilweise evakuiert werden sollte. Geistiger Vater der Idee ist ein Amerikaner, der inzwischen allerdings nicht deswegen aus Berlin versetzt wurde und zu bedenken gegeben hatte, eine Luftbrücke könne den Berlinern wohl ein Existenzminimum, nicht aber die Arbeitsplätze sichern, weil eine normale Industrie-Produktion dann nicht mehr möglich sei. Der Lebensstandard würde sogar unter das Ostberliner Niveau absinken müssen.
Da die Luftbrücken-Flugzeuge ohnehin fast leer aus Berlin zurückkommen würden so meinte der Amerikaner , sei es praktisch, mit ihnen Teile der Bevölkerung, besonders Alte und Arbeitsunfähige, auszufliegen.
Bei Diskussionen in der deutsch-alliierten Arbeitsgruppe kam man beiläufig darauf, die ausgeflogenen Berliner zweckmäßigerweise in vorhandenen Truppenunterkünften unterzubringen, und da der Flugplatz Hannover günstig zu Berlin liegt und der Nato-Flugplatz Faßberg in der Lüneburger Heide schon bei der ersten Berliner Blockade eine Rolle spielte, bot sich das Gebiet der Lüneburger Heide als Auffanggebiet für ausgeflogene Berliner an.
Dieser Evakuierungsplan wurde in der Viermächte-Arbeitsgruppe damals besprochen, ist aber in offizielle Berichte dieses Gremiums nie aufgenommen worden. Immerhin hatte der Plan sich doch so in den Gehirnen deutscher Politiker verhakt, daß sie letzte Woche, als die Öffentlichkeit sich über einen Berlin-Verlegungsvorschlag des "Guardian" aus Manchester erregte, das Stichwort wieder hervorkramten.
Der Militärkorrespondent des britischen Blattes, Leonard Beaton, hatte vorgeschlagen, das Westberliner Territorium gegen ein Territorium der Sowjetzone mit gleicher Bevölkerungszahl einzutauschen und den betroffenen Bewohnern freizustellen, sich entsprechend umsiedeln zu lassen.
Obgleich Beaton mit keinem Wort von der Lüneburger Heide als neuer Heimstatt für Westberliner gesprochen hatte, kommentierte der gesamtdeutsche Ernst Lemmer in Erinnerung an die alten Viermächte-Gespräche: "Mit allem Respekt vor dem guten Willen der britischen Zeitung kann ich nur sagen, daß der Vorschlag, die Westberliner in die Lüneburger Heide zu evakuieren, nur als verfrühter Aprilscherz abgetan werden kann."
Auch Willy Brandt hielt hartnäckig an der Hermann-Löns-Landschaft fest: "Es ist eine herrliche Sache, daß die Lüneburger Heide Naturschutzgebiet ist. Dabei sollte es bleiben."
Die Viermächte-Gruppe diskutierte bei ihren geduldigen Sandkastenspielen auch die Frage, was zu geschehen hätte, wenn Kommunisten in Zivil oder in Uniform nach Westberlin einströmten und die Stadt durcheinanderzubringen versuchten und mit diesem Thema befaßt sich auch Konrad Adenauers Brief an Willy Brandt.
In Berlin gibt es seit längerem Diskussionen darüber, ob man angesichts der geringen Zahl alliierter und deutscher Waffenträger in Berlin die alliierten Garnisonen sind etwa 11.000 Mann stark, die Bereitschaftspolizei hat wegen allgemeinen Arbeitskräftemangels nicht einmal alle Planstellen besetzt eine Art Polizeireserve oder Hilfspolizei aus Westberliner Bürgern aufstellen sollte, die erst bei kommunistischen Unruhen in Aktion träte und wichtige Objekte bewachen helfen könnte. Auch der ehrgeizige Berliner SPD-Innensenator Joachim Lipschitz, der die Dienstaufsicht über die Polizei hat, war von solchen Ideen sehr angetan.
Aber den alliierten Regierungsvertretern in der Viermächte-Arbeitsgruppe schien eine Art Westberliner Volkssturm doch zu riskant, sie entwickelten aus politischen Rücksichten einen Plan, der bewaffneten Berlinern beim Schutz ihrer Stadt nur eine streng begrenzte Rolle zuweist.
Nur für den Fall, daß etwa Störtrupps der "Freien Deutschen Jugend" versuchen sollten, in Westberlin Unruhe zu stiften, soll die Berliner Polizei ohne alliierte Hilfe eingreifen. Sowie aber uniformierte Volkspolizisten etwa Transportpolizisten der DDR auf den in Westberlin liegenden Eisenbahnanlagen provozieren, wollen die Alliierten das Kommando übernehmen und selbst für Ruhe und Ordnung sorgen.
Die Meinungsunterschiede über den zweckmäßigsten Schutz Westberlins gegen kommunistische Infiltrationen, die sich zwischen alliierten und deutschen Militärs und Zivilisten ergeben hatten, kamen Ende August dem Bonner Berlin-Bevollmächtigten Dr. Vockel zu Ohren. Die Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Berlin berichtete dem Kanzler, und Konrad Adenauer konzipierte seinen Brief an Willy Brandt, dessen Ton zwar eindeutig war, dessen Inhalt aber doch gewisse Rätsel darüber aufgab, wohin genau der Kanzler zielte.
Ob der Bürgermeister denn nicht wisse, welche Gefahr allein die sogenannten Betriebskampfgruppen in Ostberlin darstellten und wie prekär die Lage der Stadt sei, fragte der Kanzler den Berliner Stadtchef und erläuterte dann im einzelnen die Gefahren des Kommunismus, die dem Briefempfänger nicht eben unbekannt waren.
Angesichts dieser Lage sei jede Differenz mit den Alliierten äußerst unangebracht. Wo bleibe denn da die vielzitierte gemeinsame Außenpolitik, wenn Berlin hinter dem Rücken der Bundesrepublik verhandele? Außerdem mische der Herr Bürgermeister sich in Fragen ein, die allein die Bundesregierung und ihre Verbündeten angingen.
Der Brief wurde gesiegelt und ging zwecks späteren eventuellen Gebrauchs ohne "Vertraulich"-Vermerk nach Berlin-Schöneberg ab.
Postwendend antwortete Willy Brandt in einem Ton, der in der Umgebung des Kanzlers als "knapp, hart und unverbindlich" klassifiziert wurde, und machte das Pulver für Konrad Adenauers Böller naß: Brandt teilte mit, ihm seien die Gefahren des Kommunismus bekannt. Er schilderte im einzelnen, welche Bonner Stellen er fortlaufend über die Berliner Polizei- und Hilfspolizei-Verhandlungen informiert habe.
Der Kanzler freilich ließ sich seine Parole Brandt arbeite nicht mit Bonn zusammen durch solch simple Fakten nicht aus dem Mund nehmen und machte deutlich, daß er das Thema von der Unbotmäßigkeit Brandts ungeachtet der Brandt-Replik weiterzuspinnen gedenkt. Die Zusammenarbeit mit dem Berliner Senat, klagte der Kanzler am Donnerstag letzter Woche vor der CDU/CSU-Fraktion, sei viel zu schwach und müsse bedeutend stärker werden.
Berlin-Antipathie wächst
Wurde in der öffentlichen Diskussion das Thema Berlin in die Lüneburger Heide zunächst als April-Scherz abgetan, gewann die Idee dann in Westdeutschland manche Befürworter. Denn schließlich finanzierten die westdeutschen Steuerzahler durch hohe Subventionen die Existenzfähigkeit von West-Berlin. Und deshalb war man vielerorts nicht gut auf Berlin zu sprechen.Beigetragen zur Berlin-Antipathie in der Bundesrepublik hatte auch die Mitte der 1950er Jahre obligatorische blaue 2-Pfennig-Marke Notopfer Berlin, ohne die kein Brief befördert wurde. Man wollte nicht permanent ans ‚teure Berlin‘ erinnert werden. Und so gab es Leute, die vorrechneten, daß der Plan, West-Berlin in der Lüneburger Heide noch einmal aufzubauen und die Bevölkerung dorthin umzusiedeln, immer noch billiger sei als die dauernden Subventionen.
Und dann baute Ulbricht die Mauer
Als 1961 für ‚den Osten‘ restlos klar war, daß aus dem Chruschtschow-Plan von 1958 nichts mehr werden würde, erteilten die Sowjets der DDR die Erlaubnis, um West-Berlin herum eine Mauer zu errichten. Der starke Flüchtlingsstrom aus der DDR nach West-Berlin mußte gestoppt werden. Am 13. August 1961 war es dann soweit mit dem Bau der Mauer wurde begonnen.
Neuauflage des Heide-Plans
Nachdem der erste Schock des Mauerbaus etwas abgeklungen war, wurden in der Bundesrepublik die Neu-Berlin-Pläne wieder ausgebuddelt. Es war der Bundesaußenminister in spe und davor seit 1953 Bundesinnenminister Gerhard Schröder (CDU), der dann im September 1961 für die Adenauer- Regierung ernsthaft vorschlug, West-Berlin zu evakuieren und in der Lüneburger Heide neu aufzubauen.Daraus wurde nichts. Bei der im Herbst 1961 anstehenden Regierungsbildung gab es Querelen mit der FDP. Die ZEIT schrieb 1987 darüber:
Man verständigte sich schließlich mit Adenauer auf den bisherigen Innenminister Gerhard Schröder. Daß seine Ernennung [zum Bundesaußenminister] beinahe an Bundespräsident Lübke scheitern würde, war nicht vorherzusehen.Schröder hatte nämlich den Journalisten Wolfgang Wagner (Tagesspiegel), Fred Luchsinger (Neue Zürcher Zeitung) und Gaston Coblentz (New York Herold Tribune) in getrennten Gesprächen Mitte September 1961 anvertraut, West-Berlin sei als Stadt ohne Krieg für den Westen nicht zu halten. Er, Schröder, sehe daher nur die Alternative "Krieg oder Räumung West-Berlins", Evakuierung der Stadt, Neuaufbau in der Lüneburger Heide.
Diese damals keineswegs ganz unüblichen, überaus pessimistischen Äußerungen waren einigen Berliner CDU-Politikern wie Johann Baptist Gradl, Peter Lorenz und Franz Amrehn zu Ohren gekommen. Sie intervenierten daraufhin bei Lübke: Ein in der Berlin-Frage so mutloser, ja defätistischer Mann dürfe niemals Außenminister werden.
Lübke hatte daraufhin bei der Ausfertigung der Ernennungsurkunde gezögert, sie dann auf Adenauers Drängen hin jedoch ausgestellt. Ein wichtiges Argument zur Beschwichtigung seiner Besorgnisse: Heinrich Krone sollte als Sonderminister ins Kabinett eintreten, sich besonders der Berlin-Fragen annehmen.
Und es gab keinen Krieg
Und wir wissen heute (2005), daß sich die Standhaftigkeit der West-Berliner und die Berlin-Subventionen sehr wohl ausgezahlt haben und erst eine völlig andere Ost-Politik (Wandel durch Annäherung) eines Bundeskanzlers Willy Brandt letztendlich 1989/90 zur friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands und damit zur ‚Befreiung‘ Berlins beigetragen hat.
Wo bleibt der Film?
Blickt man im Jahr 2008 auf die Berlin-in-die-Heide-Story zurück, dann wundert man sich schon. In 50 Jahren hat niemand diese verrückte Geschichte als Vorlage für einen Spielfilm genutzt. So bleibt eigentlich nur die spöttische Kommentierung durch das beliebte Funk-Kabarett Günter Neumann und seine Insulaner von 1959/60. Die von RIAS-Berlin damals ausgestrahlte Rundfunk-Sendung ist inzwischen auf einer CD verewigt worden. Auf der CD Nr. 8 kann man der kabarettistischen Aufarbeitung Berlin in der Lüneburger Heide lauschen.
Quellen und ergänzende Links: Erinnerungen + mein Archiv. (Last Update: 29.7.2008)
- 00.10.1961: Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin informierte:
Es begann am 13. August . . .. (Broschüre)
- 06.03.1987: Berlin in die Lüneburger Heide? (DIE ZEIT)
- 00.00.2005: Bundeszentrale für politische Bildung:
Die minderen Brüder und Schwestern. (ERICH RÖPER)
- MATTHIAS UHL (2008): Krieg um Berlin? Die sowjetische Militär- und Sicherheitspolitik in der zweiten Berlin-Krise 1958 bis 1962.
München: xxx-Verlag. ISBN: 978-3-486-58542-1.
| Rubriken dieser Berlin-Präsentation | |||
|
|
|
|
|
| Zur Site-map des »khd-blog.net« | |||
|