Living in a City  —  Reports aus Berlin     – Teil 9 khd
Stand:  12.7.2011   (39. Ed.)  –  File: Heimat/B/Bln/Living_in_a_City_09.html



Auf diesen Seiten habe ich Interessantes aus meiner Heimatstadt Berlin zusammengestellt. Mit einigen Rückblicken auf Zeiten vor 1945, die ich selbst garnicht oder noch nicht bewußt erlebte, sollen die Reports in diesem letzten Teil abgerundet werden. Manches ist noch nicht ganz fertig. So bedeutet: xxx = Text folgt demnächst.

Inhalt:   [1940er] [1950er] [1960er] [1970er] [1980er] [1990er] [2000er] [2006] [Extra]

  1. 2007 — Vor 70 Jahren: Berlin wird 700.
  2. 2008 — Vor 65 Jahren: 10 Jahre Nazi-Diktatur.



2007 – 70 Jahre = 1937 — Berlin wird 700

Das Jahr 1937 war (für mich) ein besonderes Jahr. Ich erblickte in Berlin das Licht der Welt, und Berlin wurde in diesem Jahr 700 Jahre alt – so sagte man. Im Jahr 1937 befinden wir uns im 5. Jahr der Nazi-Herrschaft und 2 Jahre vor dem von Deutschland angezettelten 2. Weltkrieg. Im vorangegangenen Jahr 1936 fanden in Berlin die Sommerspiele der XI. Olympiade statt, die so schamlos von den Nazis für ihre Propaganda-Zwecke mißbraucht wurden. Aber was passierte sonst noch 1937 in der von den Nationalsozialisten total vereinnahmten „Reichshauptstadt“ Berlin. Die Recherchen brachten durchaus so einiges Interessante an den Tag.

      Germania-Planung von 1937
^   Modell zur größenwahnsinnigen Neugestaltung Berlins nach den Speer-Plänen zur „Welthauptstadt Germania“. Blick vom geplanten Südbahnhof über den Triumphbogen bis zur Großen Halle am Reichstag (Nord-Süd-Achse).   (Foto: 1937 – Wikipedia)
Welthauptstadt Germania

Hitlers größenwahnsinnige Pläne für den Umbau Berlins zur „
Welthauptstadt Germania“ nahmen 1937 Gestalt an. Am 30. Januar ernannte er den Architekten Albert Speer zum „Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt Berlin“ und erteilte damit den Auftrag zum Umbau der Reichshauptstadt. Im November 1937 erließ Albert Speer die „Erste Anordnung über die Neugestaltung der Reichshauptstadt Berlin“.

In 20 Jahren – also 1957 – hätte alles fertig sein sollen, aber der Krieg erzwang im Frühjahr 1943 nach der Niederlage von Stalingrad eine Einstellung des Großprojekts. Die Speerschen Pläne hätten die bestehende dezentrale Struktur von Berlin nachhaltig zerstört.

Die „Germania“-Pläne sahen im wesentlichen ein Kreuz aus zwei breiten Verkehrsadern vor – die Ost-West-Achse und die Nord-Süd-Achse. Diese sollten jeweils bis an den Berliner Autobahnring außerhalb der Stadt geführt werden. Vier weitere Straßenringe innerhalb der Stadt sollten den Verkehr von den Achsen in die Bezirke verteilen.

Am Schnittpunkt der Achsen sollte im Spreebogen beim Reichstag die „Große Halle“ mit riesigen Ausmaßen als zentrale Versammlungsstätte liegen. Die Nord-Süd-Achse sollte als 120 Meter breite Prachtstraße quer durch bestehendes Wohngebiet ausgebaut werden. Realisiert wurde davon bis Anfang 1939 nur die Ost-West-Achse zwischen Mitte und Charlottenburg mit dem Umzug der Siegessäule vom Königsplatz (beim Reichstag) zum Großen Stern.

Filme im Jahr 1937

Auch wenn viele dieser Filme längst vergessen sind, ist es interessant, welche deutschen Filme 1937 in Berliner Lichtspiel-Theatern ihre Uraufführung erlebten:

Und dann gab es noch die Film-Operette „Die Drei von der Tankstelle“ (Lilian Harvey, Willy Fritsch, Oskar Karlweis, Heinz Rühmann, Regie: Wilhelm Thiele), der zwar schon aus dem Jahr 1930 stammt, aber am 1.10.1937 von den Nazis verboten wurde. Er gilt als der erste Musical-Film (Comedian Harmonists, Musik: Werner Richard Heymann).

Luftschutz-Vorbereitung

Das Jahr 1937 ist auch ein Jahr der Kriegsvorbereitung. Dazu gehörte auch die Intensivierung des
Luftschutzes. So veranstaltete die NSDAP-Ortsgruppe Marienfelde im Februar 1937 ein „Fest der Volksgemeinschaft“, zu dem 1.200 Mariendorfer „Volksgenossen“ erscheinen und auf dem u. a. eine „Schauvorführung Luftschutz im totalen Krieg“ dargeboten wird. Bis zum 26. September mußten alle Berliner Luftschutzwarte intensiv die Verdunklung der Wohnungen proben und überwachen.

Eine solche Verdunklung sollte bei nächtlichen Fliegerangriffen eine genaue Ortung von Zielen verhindern. Im 2. Weltkrieg (1939–1945) stellte sich dann heraus, daß die Verdunklung durch den Abwurf von Zielmarkierungsbomben (sogenannte „Weihnachtsbäume“) allzuoft unwirksam gemacht wurde.

Auch die Rüstung wurde 1937 forciert. So wurde das seit 1935 von den Junkerswerken entwickelte Sturzkampf-Flugzeug „Ju 87“ (Stuka) 1937 in den Dienst gestellt und die Serienfabrikation aufgenommen. Es wurde auch in Berlin-Tempelhof produziert.

Ausbürgerungen

In Berliner Zeitungen wurde am 12. April 1937 bereits die 11. Ausbürgerungsliste veröffentlicht. Darin tauchen auch die Namen der Kommunisten Walter Ulbricht und Ludwig Renn sowie Hugo Sinzheimer (ein Rechtswissenschaftler) sowie von Otto Klepper (ein ehemaliger Politiker der Zentrums-Partei) auf.

Die Zirkus-Schau

Am 17. April 1937 fand in der Deutschlandhalle am Funkturm erstmalig die große Zirkus-Show „Menschen – Tiere – Sensationen“ statt. Das Publikum war begeistert, und es gab danach immer wieder Neuauflagen dieser beliebten und einmaligen Veranstaltung, die Artisten und Dompteure der Weltspitzenklasse nach Berlin brachte. Das setzte sich auch nach dem Krieg fort, nachdem die am 15. Januar 1943 ausgebrannte Halle 1957 restauriert worden war. In neuerer Zeit (ab 2000) soll nach dem Willen des Berliner Senats die
Deutschlandhalle abgerissen werden.

Alles auf NS getrimmt

Im April 1937 wurde an der Berliner Universität eine Stamm-Mannschaft des „NS-Studentenbundes“ gebildet. Im Berliner Sportpalast fand am 23. April aus Anlaß des Zusammenschlusses aller technisch-wissenschaftlichen Verbände und Vereine zu einem einzigen, die gesamte Technik umfassenden „Nationalsozialistischen Bund Deutsche Technik“ eine Großkundgebung statt. Dieser NS-Bund hatte seine Büros in Berlin W 9, Linkstraße 7+8 in der Nähe des Potsdamer Platzes.

Die Nationalsozialisten veranstalteten ab 30. April 1937 eine große Propaganda-Ausstellung „Gebt mir vier Jahre Zeit“, die von Adolf Hitler eröffnet wurde. Bei der Schau kam aber nicht vor, daß Deutschland 4 Jahre später im Juni 1941 gegen Rußland in den Krieg ziehen wird.

AVUS-Rennen

Der Bau der neuen Nord-Kurve der
AVUS wird 1937 fertig. Diese überhöhte, 43,6° steile und aus Backsteinen gemauerte Steilkurve erlaubte noch höhere Geschwindigkeiten bei den Autorennen, war aber auch gefährlicher – vor allem bei Regenwetter. Beim Rennen am 30. Mai 1937 dominierten die Silberpfeile von Mercedes. Der Sieger Hermann Lang auf Mercedes-Benz erreichte eine Spitzengeschwindigkeit von knapp 400 km/h, Bernd Rosemeyer fuhr mit seinem Auto-Union-Rennwagen die schnellste Rennrunde mit einem Schnitt von 276,39 km/h – ein Rekord, der lange hielt.

„Entartete Kunst“

In ihrem unerbittlichen Feldzug gegen alles, was sie nicht verstanden – nicht in ihr Weltbild paßte, ordneten die Nazis am 30. Juni 1937 an, daß alle Museen von nicht genehmen Exponaten zu ‚säubern‘ seien. Damit begann die landesweite Beschlagnahme- und Vernichtungs-Aktion „Entartete Kunst“. Insgesamt wurden rund 16.000 Werke von den Nazis beschlagnahmt. Allein die Nationalgalerie verlor dabei 164 Gemälde, 326 Zeichnungen und 27 Plastiken.

Im Herbst 2010 geschah bei den Vorbereitungen zum Bau der U-Bahn zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor (Linie U5) ein kleines Wunder. In Berlins Untergrund wurden nahe dem Roten Rathaus 11 dieser von den Nazis als „entartet“ inkriminierten und beschlagnahmten Skulpturen im Schutt entdeckt. Es ist noch unklar, wie diese Plastiken der Klassischen Moderne – darunter die „Tänzerin“ von Marg Moll – dort hinkamen. Die überhaupt nicht „Entarteten“ (total entartet waren nur die Nazis) sind nun im Neuen Museum auf der Museums- Insel zu sehen.

700 Jahre Berlin

Das Hauptereignis im Jahr 1937 war natürlich die 700-Jahr- Jubiläumsfeier im August. Im Dom-Museum zu Brandenburg/Havel gibt es eine Urkunde vom 28. Oktober 1237, in der Berlins kleinere
Schwesterstadt Cölln auf der Spree-Insel erstmals genannt ist. Dieses Datum gilt auch als Geburtstag Berlins, obwohl Berlin vermutlich schon im 12. Jahrhundert existiert hat. Auch wissen wir heute, daß die in Berlins Altstadt stehende Nikolai-Kirche ab etwa 1220 gebaut wurde.

Die Feierlichkeiten begannen am 14. August 1937 und dauerten eine Woche bis zum 22. August. Zu Beginn der 700-Jahr-Feier Berlins wurde auf dem Messegelände unterm Funkturm die Ausstellung „700 Jahre Berlin“ eröffnet. Den Höhepunkt bildete der große Festzug durch die mit Hakenkreuzen geschmückten Straßen am 15. August. An dem Umzug, der am Berliner Rathaus startete, wirkten 4.500 Menschen in 1.700 historischen Kostümen mit.

Terror gegen Juden

Sofort nach der Machtergreifung Hitlers Ende Januar 1933 begannen die Nazis mit dem Terror gegen die jüdische Bevölkerung. Bereits im April 1933 wurde vom Propaganda-Minister Goebbels zum Juden-Boykott aufgerufen. Im September 1935 wurden von der NSDAP die „Nürnberger (Rassen-)Gesetze“ erlassen. Zum 31.12.1935 wurden alle jüdischen Beamten aus dem Staatsdienst entfernt.

Auch 1937 setzte sich der Terror gegen die Juden fort, was dann im November 1938 in den deutschlandweiten Progromen („Reichskristallnacht“) gipfelte, bevor es im 2. Weltkrieg (1939–1945) zum Holocaust – der systematischen Vernichtung jüdischen Lebens – kam.

Im August 1937 berichtet die „Berliner Nordost-Zeitung“, daß das Gartenbauamt des Bezirks Prenzlauer Berg von den in seinen Grünanlagen befindlichen 100 Sitzbänken jetzt 92 Bänke mit der Aufschrift versehen hat „Für Juden verboten“. Während der Olympischen Spiele 1936 waren zur Täuschung des internationalen Publikums alle solche Verbotsschilder entfernt worden.

Besuch Mussolinis

Die Deutschen mochten damals offensichtlich Diktatoren. Am 27. September 1937 wurde der italienische Ministerpräsident
Benito Mussolini bei seinem Besuch in Berlin enthusiastisch von der Berliner Bevölkerung und extra aus der Provinz Angereisten empfangen. Die NSDAP hatte mit über mehrere Tage sich erstreckenden Massenkundgebungen, Aufmärschen, Paraden und Empfängen für genügend Aufmerksamkeit gesorgt.

Hochschulen

      Berliner Weihnachtsmarkt 1937
^   Der Berliner Weihnachtsmarkt am Dom 1937 im Nazi-Look.   (Repro: 1937 – nn)
Auch in Berlins Hochschullandschaft gab es Veränderungen. Mitte Dezember 1937 wurde das neue Domizil der Ingenieurschule Gauß im Gebäude des Friedrichswerderschen Gymnasiums in Moabit eingeweiht. Ende November 1937 wurde vorher am Nordrand des Grunewalds in der Nähe des Teufelsees der Grundstein für eine Wehrtechnische Fakultät der Technischen Hochschule zu Berlin-Charlottenburg gelegt. Sie blieb bis 1945 unvollendet, und die Ruinen wurden nach dem Krieg mit dem Trümmern Berlins zugeschüttet – der mächtige Teufelsberg entstand.

Berliner Weihnachtsmarkt

Im Dezember fand der
Berliner Weihnachtsmarkt erstmals wieder unterm Dom auf dem Lustgarten statt. Selbst hier war die Herrschaft der kriegslüsternen Nazis deutlich zu spüren. Der Markt wurde nicht nur mit Weihnachtssymbolen geschmückt, es waren auch viele Hakenkreuz- Fahnen zu sehen. An den Ständen wurde zudem reichlich Kriegsspielzeug verkauft. Da gab es neben Holzgewehren auch kleine Aufzieh-Panzer aus Blech, die – mit einem Zündstein versehen – richtig feuern konnten. Auch wurden kleine Modelle von „Stukas“ (Sturzkampfflieger) angeboten, in die Knallplätzchen eingelegt werden konnten. Immerhin hießen „Weihnachtsengel“ für den Christbaum damals noch so und nicht „Jahresendfiguren“, wie später in der sozialistischen DDR.

Ein Fazit

Rückblickend auf das Jahr 1937 wird klar: Äußerlich mag das Leben in der Hauptstadt mit der Jubiläumsfeier, Theater, Kino und Unterhaltung auch im 5. Jahr der Nazi-Diktatur für die meisten Berliner noch relativ normal verlaufen sein. 1937 war aber ein Jahr der intensiven Vorbereitungen der Nazis – der Vorbereitung auf den großen Krieg und die Vernichtung der Juden und anderer den Nazis mißliebigen Menschen. Das Ausland schaute 1937 zu Recht mit großer Sorge auf Deutschland.


Quellen und ergänzende Links:  Internet-Recherchen + Vor allem bei Wikipedia. (Last Update: 9.11.2010)


2008 – 65 Jahre = 1943 — 10 Jahre Nazi-Diktatur

Hat man nicht selbst die Nazi-Zeit (1933–1945) bewußt erlebt, dann ist man auf Erzählungen, historische Darstellungen in Buch- und Filmform angewiesen, um sich ein Bild über die Jahre der Diktatur der Nationalsozialisten zu machen. Es gibt aber auch noch einen anderen Zugang zu dieser Zeit, der das sehr gut ergänzen kann.

Adressbuch gibt Auskunft

Seit
einiger Zeit hat die Zentral- und Landesbibibliothek Berlin (ZLB) Berliner Adressbücher gescannt und komplett ins Internet gestellt. Im Teil III des Jahrgangs 1943 findet sich eine komplette Übersicht der Gliederung und der Adressen der „Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei NSDAP“ in Berlin, dem politischen Zentrum des ‚Dritten Reichs‘. Das kann ein nützlicher Ausgangspunkt zur eigenen Spurensuche in der Stadt sein.

Bln. Adreßbuch 1943  
Seite 7 des Teils III.   *
Bln. Adreßbuch 1943  
Seite 8 des Teils III.   *
Bln. Adreßbuch 1943
Seite 9 des Teils III.   *
^   Diese 3 Seiten aus dem Berliner Adreßbuch von 1943 sind originale Zeitzeugnisse der Allmacht der Nazis. Sie sagen sehr viel über die Diktatur des NS-Staats aus. Auf diesen Seiten wird quasi die Struktur der Nazi-Partei (NSDAP) in Form von Adressen beschrieben – und man staunt, was es da alles wo in Berlin gegegeben hat. Auf der Seite 9 beginnen die Adreßbuch-Einträge der damaligen Reichsregierung (Ministerien etc.).

Durch Klicken auf die Seiten werden diese in einem extra Fenster vergrößert und gut lesbar angezeigt. Mit * ist der Link zum ‚Original‘ bei der Zentral- und Landesbibibliothek Berlin (ZLB) angegeben.
  (Repros: 2007 – khd)

Der ganze Nazi-Wahn

Wie ein Riesen-Krake hatte diese NSDAP die gesamte deutsche Gesellschaft erfaßt und durchsetzt. Das reichte von der „Deutschen Arbeitsfront“ (DAF), über die „HJ“ (Hitler Jugend) bis hin zum „Nationalsozialistischen deutsche Aerztebund“ in der Fischerstraße 39–42 oder dem „NS-Lehrerbund“ am Alexanderplatz 4. Keine gesellschaftlichen Gruppe blieb von der Gleichschaltung verschont. Und das alles geschah in nur wenigen Jahren seit 1933.

Aus diesen Adress-Seiten geht der ganze hirnrissige Wahnsinn der Strukturierung von Nazi-Deutschland hervor. Das leistet kaum ein Geschichtsbuch. Oft sind es schon die Namen der Partei- Organisationen, die deutlich signalisieren, was hier ‚gespielt‘ wurde. Und die fehlenden Abschnitte 113–119 zusammen mit dem nur 3-Zeilen-Eintrag im Abschnitt 112 auf der Seite 9 für das deutsche Parlament – dem Reichstag – machen besonders deutlich, daß das Parlament total entmachtet war.

Berlin-Kreuzberg -- Zentrale der Geheimen Staats-Polizei (GeStaPo)
^   Berlin – Zentrale der Geheimen Staats-Polizei (GeStaPo) in den 1930er-Jahren. Dieses Haus des Nazi-Schreckens stand an der Prinz-Albrecht-Straße 8 in SW 11 (heute: Kreuzberg, Niederkirchner Straße).   (Repro: 2010 – khd/Bundesarchiv 183-R97512)


Hauptquartier der Gestapo

      Topographie des Terrors
^   „Topographie des Terrors“ im Bau um 2000, der dann wg. zu hoher Kosten wieder abgerissen wurde. Erst im November 2007 wurde mit einem Neubau begonnen, der am 6. Mai 2010 eröffnet wurde.   (Foto: 2000 – nn)
Hinter dem Eintrag „Reichsführung
SS, Reichssicherheitshauptamt, SW 11, Prinz-Albrecht-Str. 8“ (RSHA) auf der Seite 7 verbirgt sich ein Ort des Schreckens – das Hauptquartier der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), in dessen berüchtigter Abteilung IV B 4 – dem „Judenreferat“ – Adolf Eichmann agierte und in dessen Kerkern viele politische und weltanschauliche Gegner gefoltert wurden und zu Tode kamen. Diese Kerker-Keller an der heutigen Niederkirchner Straße in Kreuzberg sind dank der Initiative von Bürgern erhalten geblieben und sind in die Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ integriert worden. Die Dauerausstellung im neuen Gebäude zur Geschichte des Nazi-Terrors wurde im Mai 2010 zum 65. Jahrestag des Kriegsendes eröffnet (täglich von 10–20 Uhr, Eintritt frei).

Verwalter des Holocaust

Im Bezirk Steglitz stehen noch heute in der Nähe des Botanischen Gartens die Gebäude des „
Hauptamts I der SS für Verwaltung und Wirtschaft, Lichterfelde-West, Unter den Eichen 127“. Inzwischen erinnert dort eine Gedenktafel an die braune Vergangenheit, denn von hieraus wurde von der NSDAP der Völkermord an den Juden (Holocaust) und verfolgten Minderheiten in den Konzentrations- Lagern (KZ) und Vernichtungs- Lagern organisiert und verwaltet. Die SS ist damit verantwortlich für die Folterung und die Ermordung von Millionen Menschen.

SS allgegenwärtig

Die SS (
Schutzstaffel der NSDAP) war von Heinrich Himmler, dem „Reichsführer-SS“, zur Kampftruppe der NSDAP gegen innere und äußere Feinde der Nazis ausgebaut worden. Im 2. Weltkrieg wurde daraus mit fast 1 Million Mitgliedern eine Massenorganisation zur Durchsetzung der Nazi-Ideologie mit allen Mitteln. Allein deren Symbol aus 2 nebeneinander liegenden, blitzähnlichen „Sig-Runen“ kündigte allerorten Angst und Schrecken an. Auch im Adressbuch ist das „SS“ in diesen Runen gesetzt worden.

Deutsches Volkstum

Das „SS-Hauptamt“ befand sich in Wilmersdorf am Hohenzollerndamm Nr. 174–177 in der Nähe des Fehrbelliner Platzes. Am Kurfürstendamm 142/143 saß in Halensee der „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“. Der „Beauftragte der NSDAP für Volkstumsfragen“ saß gleich bei der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße Nr. 8 in SW 11 (Kreuzberg), von wo gegen alle „Volksfeinde“ vorgegangen wurde.

Holocaust-Mahnmal 2005      
^   Holocaust-Mahnmal zur Erinnerung an die von den Nazis ermordeten Juden in der Nähe des Brandenburger Tors, das am 10.5.2005 eingeweiht wurde.   (Foto: 2005 – nn)
In der Ideologie der Nationalsozialisten spielte das „
Volkstum“ – das „deutsche Volkstum“ bzw. das „Deutschtum“ – in einem chauvinistischen und rassistischen Sinn eine zentrale Rolle, aus der sie eine Überlegenheit über andere Ethnien ableiteten. Und so sortierten die Nazis die Bevölkerung in „Volksgenossen“ und in „zu entfernende Volksfeinde“.

Deutsche Jugend

Um kommende Generationen auf die Nazi-Ideologie zu trimmen, war für Kinder ab 10 Jahren die Mitgliedschaft in den NSDAP- Organisationen der „
Hitler-Jugend“ (HJ) bzw. des „Bund Deutscher Mädel“ (BDM) seit 1936 gesetzlich vorgeschriebene Pflicht.

Im Berliner Adressbuch von 1943 bildet sich das durch die vielen „Bann“-Anlaufstellen in allen Bezirken ab (Seite 8). So befanden sich beispielsweise der „HJ-Bann 37“ für Wilmersdorf und Zehlendorf in Grunewald, Koenigsallee 15 und der "BDM-Bann 37" in Halensee, Ringbahnstraße 8. Für Steglitz und Tempelhof waren der „HJ-Bann 200“ in Steglitz in der Albrechtstraße 88 und der „BDM-Bann 200“ in Lankwitz in der Kaiser-Wilhelm-Straße 135a zuständig. Die „Reichsjugendführung der NSDAP“ war in Berlin W 8, Wilhelmstraße 77 angesiedelt.

Propaganda über alles

Auffallend sind auch diese besonderen Begriffe in der Nazi-Sprache wie „Bann“, „Frauenschaft“, „Front“, „Gau“, „Reichsbund“, „Standarte“, „Sturm“ oder „Werk“. Immerhin nannten die Nazis ihre Werbe-Abteilung selbst „Propaganda“-Abteilung. Und so war ein Dr. Joseph Goebbels (1943 im Berliner Sportpalast: „Wollt Ihr den totalen Krieg?“) auch der „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“. Aber spätestens im Januar 1945 – als im Osten die große
Flucht vor den Russen begann – war für viele Deutsche klar, was von der Aufklärung damals zu halten war. Sie wurden von den Nazis nach Strich und Faden belogen – Propaganda eben.

Ausgangspunkt für Recherchen

Wenn auch aus dem Adressbuch von 1943 selbst nicht der brutale Nazi-Terror hervorgeht, können doch die für diesen Artikel graphisch aufgearbeiteten Adressbuch-Seiten den Einstieg für ergänzende Recherchen im Internet bilden. Man weiß besser, wonach mit welchen Begriffen zu suchen ist. Meist wird man bereits in der freien Enzyklopädie
Wikipedia weiterführende Informationen finden, denn dort sind inzwischen sehr viele Themen zur Nazi-Zeit in Artikeln behandelt worden. Auch findet man in diesen Artikeln oft reichlich Hinweise (Links) auf weitere Quellen.

So auch zu diesem merkwürdigen NSDAP-Werk „Glaube und Schönheit“, von dem die meisten noch nie etwas gehört haben dürften und das von Berlin-Charlottenburg 9, Kaiserdamm 45/46 aus gesteuert wurde.


Quellen und ergänzende Links:  Internet-Recherchen + Zentral- und Landesbibibliothek Berlin (ZLB). (Last Update: 12.7.2011)


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