Berlin News & Stories – Teil 3 khd
Stand:  14.4.2010   (24. Ed.)  –  File: Heimat/B/Bln/BN/Bln_News_03.html



Diese Seite ist eine Ergänzung zu den Berlin-Reports, in denen über interessante Berliner Ereignisse berichtet wird. Dazu werden hier einige ausgewählte und besonders nützliche Artikel und andere Texte gespiegelt und damit auf Dauer dokumentiert. Manches ist auch mit [Ed: ...] kommentiert. Tipp- und Übertragungsfehler gehen zu meinen Lasten.

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T E M P O D R O M

Umsonst und draußen

Wegen Millionenlöchern und fragwürdiger Geldspritzen sind sie jetzt wieder Stadtgespräch – Irene Moessinger und ihr Tempodrom. Die Vorgeschichte reicht weit ins alte West-Berlin zurück. Wie ein Traum zu einer Institution und dann zu einem Politikum wurde.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 8. Februar 2004, Seite xx (xxx). [Original]

BERLIN (Tsp). Er fällt ihr einfach aus dem Mund, der Zahn. Aus Versehen, und irgendwie doch im richtigen Moment. Weil die, die eigentlich gegen Irene Moessinger und ihr Tempodrom waren, lachen müssen. Da, wo im freundlichen Gesicht der Tempodrom-Gründerin ein Schneidezahn sitzen sollte, klafft jetzt ein schwarzes Loch. Und da, wo bisher eine ernste Informationsveranstaltung über das neue Tempodrom stattgefunden hat, bricht Heiterkeit aus. Jetzt lachen sie, die Leute, die an diesem Sommerabend vor 10 Jahren in eine Kreuzberger Schule gekommen waren, weil sie nicht wollten, dass das neue, fest gebaute Tempodrom dorthin kommt, wo sie sind – an den Anhalter Bahnhof.

Sie lachen zusammen, Irene Moessinger und die Kreuzberger. Das ist es. Es ist das groß geschriebene „Zusammen“ der Irene Moessinger, das am Ende noch immer alle versöhnt hat. Irene Moessingers „Zusammen“ ist das alternativ-kuschelige West-Berlin. Es ist das Wir-kennen-und-wir-helfen-uns-Zusammen, das viele an Berlin gebunden und hier gehalten hat. Irene Moessinger hat dieses Motto für die alternative Szene neu und frisch erfunden, als es in seiner erwachsenen, beschlipsten Version schon längst im West-Berliner Establishment angekommen war. Dass aus diesem „Zusammen“ am Ende eine politische Affäre werden sollte, das hat sie damals wohl nicht geahnt.

Es sind Geschichten wie die mit dem Zahn, die man zu hören bekommt, wenn man etwas über Irene Moessinger erfahren will. Nur nette Geschichten, die ihre Freunde erzählen – und ihre Gegner auch. Es ist, als hätte Moessinger einen Zauber, der seit 25 Jahren alle dazu bringt, nur Gutes über sie zu erzählen. Oder ihr zu Hilfe zu eilen. Oder beides.

Das Schwein Oscar beispielsweise hat auch nie etwas gegen Moessinger gehabt. Obwohl das Tier, das zur Leitfigur der spontanen Kinderbelustigungskultur der Achtziger wurde, Grund dazu hatte. Immer wieder musste es seine Besitzerin durch das Programm des Kinderzirkus schieben: Moessinger rollte im hautengen Body mit roten Pailletten durch die Manege, Oscar schubste sie. Den Kindern hat es gefallen, und den Erwachsenen auch.

Natürlich, die Schweinenummer war nur ein winzig kleiner Teil von dem, wofür Berlin Irene Moessinger und ihr Zelt liebte. Nina Hagen und Bob Dylan, Nena und die Einstürzenden Neubauten sind hier aufgetreten, die Heimatklänge, das erste internationale Weltmusikfestival, wurden hier erfunden. Es waren Irene Moessinger und ihre Truppe, die in bunt lackierten Wohnwagen nicht weit von der Mauer lebten, die das Tempodrom einzigartig gemacht haben. Bei Irene traf man sich nachmittags zu Kaffee und Kuchen, abends auf ein Bier im Plastikbecher. Das Tempodrom war so etwas wie ein Paralleluniversum zu einer Stadt, die einfach mittendrin aufhörte, weil da eine Mauer war. Vielleicht war das auch der Grund, warum Irene Moessinger und ihr Zelt zum Liebling vieler Politiker wurden. Das war bunt, das war lieb, das war gut – da musste man einfach helfen. Kies von der Stadt gab es jedenfalls von Anfang an – wenn auch zuerst nicht von der Landesbank, sondern vom Bauhof. Da war das Zelt noch am Potsdamer Platz aufgebaut und es regnete in Strömen. Der Platz war voller Matsch und Moessinger brauchte Hilfe. Die Kulturverwaltung ordnete also an, dass Kies von der U-Bahn-Baustelle Tegel geholt und zum Tempodrom gebracht wurde. Und weil Irene Moessinger außer ein paar Schippen und Mistgabeln kein Gerät hatte, um die Steine zu verteilen, fragte die Verwaltung bei den Briten an. Die ließen dann ein paar Soldaten anrücken, damit sie das erledigten.

Es war eine schöne, eine lustige, eine sorglose Zeit, erst am Potsdamer Platz, und dann ab 1984 im Tiergarten – auch wenn das Geld immer knapp war. Mittag für Mittag aß man gemeinsam, Nachmittag für Nachmittag freuten sich Berlins Kinder am Borstenschwein, Abend für Abend gab es im Tempodrom Vorstellungen, die man sonst nicht zu sehen bekam. In Berlin nicht. In Westdeutschland nicht. Vom Osten ganz zu schweigen. Der spielte für das Tempodrom noch keine Rolle, damals.

Das kam später, als die Mauer fiel. Und das Tempodrom auf einmal ganz nackig da stand, so ohne den Schutz der Sektorengrenze im Tiergarten. Unberechenbar alternativ wirkte es plötzlich, ein Fremdkörper im neuen Berlin. Die Bundesregierung kam in die Stadt, im Tiergarten wurde das Kanzleramt geplant – da bemerkte auch der Senat, dass die gummistiefelige Moessinger und ihre Truppe keinen Platz in der neuen Mitte haben konnten.

Peter Strieder aus Kreuzberg kam ins Spiel – und blieb bis heute drin. Das Tempodrom, so fand der damalige Bezirksbürgermeister Strieder, braucht einen neuen Platz. Am besten in seinem Bezirk. Kreuzberg zum Zentrum des geeinten Berlins machen und nebenbei noch Eindruck in der linksalternativen Szene zu schinden, das war Strieders Plan. Von Widerspruch hat er sich eh nie einschüchtern lassen. Wenn er in der Kritik steht, läuft er zu Hochform auf und fühlt sich bestätigt. Da zahlt sich aus, dass er als Jungsozialist in Bayern sozialisiert wurde, sagt ein Vertrauter: Er litt unter der CSU, aber entwickelte unter Strauß auch sein politisches Bewusstsein. Mitunter zeigt sich das auch in Strieders Tonlage: Unter Parteifreunden war er einst als „Schreiender Affe“ bekannt – was durchaus respektvoll gemeint war. Die Moessinger jedenfalls, die mochte er einfach zu gern. Passte ja auch irgendwie. Strieder war ja für ihr Projekt ein Neuanfang. Einer mit Fundament: Tempodrom ja, aber etwas Festes sollte es jetzt schon sein.

Wie wichtig für Strieder das Tempodrom geworden war, bekamen die Kreuzberger im Wahlkampf 1995 zu sehen: Da hing an jeder Laterne das Konterfei des Bürgermeisters – und der bekannte Tempodrom-Schriftzug mit dem Saxophon spielenden Löwen strahlte im Hintergrund. Zur entscheidenden Sitzung der Bezirksverordneten, als es um die Frage Tempodrom ja oder nein ging, trug Strieder einen handbemalten lila Schlips mit dem Schriftzug: „Ich bin dafür!“

Eines gelang ihm allerdings schon damals nicht: Die politischen Folgen seines Tempodrom-Engagements richtig einzuschätzen. Der Sozialdemokrat Strieder verlor die Wahl – ausgerechnet gegen die Grünen, denen er das Tempodrom-Thema weggenommen hatte. Seinem Renommierprojekt blieb er trotzdem treu. Und da traf es sich gut, dass er selbst auf der politischen Karriereleiter vorankam, während Moessingers Tempodrom schon kurz nach Baubeginn im Chaos zu versinken drohte. Strieder verschaffte dem Tempodrom als Umweltsenator Fördermillionen aus europäischen Umwelttöpfen, er legte als Stadtentwicklungssenator seine schützende Hand auf das Bauvorhaben, wenn die Kreuzberger mal wieder dagegen waren. Zur Grundsteinlegung im Mai 2000 ließ er sich auf einem Elefanten heranschaukeln, und als er erst einmal Bausenator geworden war, da gab es kein Halten mehr: Strieder machte sich für immer neue Geldspritzen stark, als die Baukosten längst aus dem Ruder gelaufen waren. Mal war der Beton zu dünn kalkuliert, mal fehlte es an ausreichend Wasserspritzanlagen für mögliche Brände. Kurz: Am Tempodrom gab es immer etwas nachzubessern und aufzuhübschen. Das kostete bis heute mindestens 32 Millionen Euro, fast doppelt so viel wie geplant. Und nach wie vor gibt es viele unbezahlte Rechnungen.

Strieder ließ sich nicht verdrießen. Für das Richtfest dichtete der Musenfreund gar eine kleine Ode an das Tempodrom. Für die dankte Moessinger ihm später mit einem privaten Brief, in dem sie ihm den Ehrentitel „Monsignore“ verleiht. Freunde zu finden, das ist für Irene Moessinger noch nie ein Problem gewesen. Sie ist da ganz spontan. „Ich bin eine Crossover- Persönlichkeit“, sagt sie über sich selbst und meint: Ich kann mit jedem. Bundespräsident Richard von Weizsäcker sitzt in den 80ern neben ihr bei einer Talkshow, „Mensch, wir sind Nachbarn“, platzt es aus ihr heraus, „kommen Sie doch mal auf einen Kaffee vorbei.“ Und der Präsident nickt ergeben.

Genau so wie Volker Hassemer, Ex-Kultur- und Ex-Stadtentwicklungssenator, den sie auch schnell für sich gewinnt. Immerhin: Der CDU-Politiker Hassemer erkennt, woran es fehlt bei all der Crossover- Spontanität. An Sachverstand. Er holt Roland Specker als Berater ins Tempodrom. Specker, der sein Geld mit Immobiliengeschäften in West-Berlin verdient hatte, und Moessinger, die Kulturfachfrau, mögen sich sofort. Er hat die Reichstagsverhüllung von Jeanne-Claude und Christo organisiert, sie hält einen Community-Kultur-Betrieb am Laufen. Zwei Macher. „Superfrau“, sagt Specker über Moessinger. Die Kosten aber bekommt auch er nicht in den Griff.

Für den Landeshaushalt wird diese Zuneigung zum Desaster. Specker, der mit dem Kulturzelt bis dahin an und für sich nichts anfangen kann, ist jetzt begeistert von dem Projekt. Er zieht sogar mit Irene Moessinger, einer Horde Kinder und verschiedenen Tieren vor das Rote Rathaus, um für eine Abfindung für den erzwungenen Umzug aus dem Tiergarten zu demonstrieren. Da stehen sie dann in einem Polizeikessel, trillern und pfeifen. Und der Bundesumzugsbeauftragte, Bauminister Klaus Töpfer, „gibt uns durch die Absperrungen seine Hand“, erinnert sich Specker noch heute mit leuchtenden Augen. Überall wuchert der Zuspruch: Die Filmproduzentin Regina Ziegler zum Beispiel. Oder die Ex-Intendantin des Hebbel Theaters, Nele Hertling. Wichtige Fürsprecher in kulturellen Fragen in der Stadt.

Und Klaus Dieter Böhm. Der Geschäftsmann versteht sich auf Wellness-Bäder und betreibt zusammen mit seiner Frau Liquidrom. Da kann man in lauwarmem Wasser dümpeln, sich Unterwassersphärenklänge anhören, entspannen und entkrampfen. Oder auch einfach nur saunieren. Oder in den Sternenhimmel schauen.

Das haben Moessinger und Böhm getan, als sie sich kennen lernten. Vor mehr als 10 Jahren bei einem Betriebsausflug der Tempodrom-Belegschaft in Böhms Toskana-Therme im thüringischen Bad Sulza. Da klingt es und schwingt es allenthalben, zu Wasser, zu Lande und in der Luft, und die Sterne leuchten dazu. Irene Moessinger, die selbst schon mit klugen Delphinen synchron geschwommen ist, die findet das spontan ganz toll.

Nur dass Moessinger einfach ein bisschen zu spontan ist. Für die Bauaufsicht zum Beispiel. Den Kontrolleuren vom Amt schwärmt sie so lebensnah von Feuer-Spuckern und Flammen-Performances, meterhohen Feuersäulen vor, dass die stutzen: Feuer-Performances? Flammen-Säulen? Das hält die Sprinkleranlage nicht aus – die kann nur einfache Heimatklänge löschen, wenn’s drauf ankommt. Eine größere Not-Dusche muss her, die schon eingebaute kleine muss wieder ausgebaut, die Kellerräume müssen entsprechend angepasst werden. So wie mit der Sprinkleranlage geht es mit dem Dach, der Bühne, den Zuschauerrängen, dem Beton...

Wasserklängebaumeister Klaus Dieter Böhm ist heute einer der aussichtsreichen Bewerber bei einem Verkauf des Tempodroms. Er bietet um die 2,5 Millionen Euro für das Bauwerk, Irene Moessinger und ihr Partner Waehl stehen bei dem Bauprojekt mit 1,8 Millionen Euro in der Pflicht. Bekommt Böhm den Zuschlag, bleibt zum guten Schluss doch noch alles in der Familie. Aus Versehen. Und irgendwie doch im richtigen Moment.



K O S T E N   D E R   E I N H E I T

Stolpe verärgert über "Phantasiezahlen"

Die Kosten der Wiedervereinigung liegen nach einer neuen Studie mit rund 1,5 Billionen Euro [1.500 Mrd. Euro] viel höher als bisher angenommen. Der für den Aufbau Ost zuständige Verkehrsminister Manfred Stolpe bezeichnete die Zahl als "Unfug": Es werde zusammengerechnet, was nicht zusammengehört.

Aus:
Spiegel Online – 19. September 2004, 17.43 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

BERLIN. Der SPD-Politiker reagierte auf Angaben des Leiters des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin, Klaus Schroeder. Dieser hatte in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung erklärt: "Alle Bundesregierungen haben versucht, die Kosten der Vereinigung zu verschleiern, wohl um eine Neiddebatte zu verhindern." Alleine in der Rentenversicherung seien nach Schroeders Berechnungen 11 Milliarden Euro mehr von West nach Ost geflossen, als bislang geschätzt.

Der für den Aufbau Ost zuständige Verkehrsminister Stolpe nannte die Berechnung "unseriös und unredlich". Die angeblichen Ausgaben von 1,5 Billionen Euro fußten auf "Phantasiezahlen", die durch Wiederholung nicht richtiger würden, sagte er. Es werde einfach alles zusammenaddiert, was aus den Kassen des Bundes, der West-Länder und der Sozialversicherung an die neun Länder gezahlt worden sei. Einiges werde vermengt.

Komplett fehle in der Diskussion, dass die Menschen in den ostdeutschen Ländern über ihre Steuer- und Beitragszahlungen sowie Renten- und Krankenkassen "an der Finanzierung dieses gigantischen Betrages beteiligt" gewesen seien. Richtig sei vielmehr, dass sich die reinen Sonderleistungen für den Osten im Zeitraum 1990 bis 2003 auf etwa 15 Milliarden Euro jährlich belaufen: "Alles andere ist schlicht Unsinn."

"Wohlstandssprung" im Osten

Schröder schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung außerdem, dass die ostdeutschen Haushalte materiell sehr viel besser dastehen, als häufig angenommen wird. Zu Beginn der Vereinigung hätten sie kaufkraftbereinigt auf dem Niveau eines durchschnittlichen westdeutschen Haushalts am Ende der fünfziger Jahre gelegen. Mitte der neunziger Jahre hätten sie das westdeutsche Niveau von 1992 erreicht. Das bedeute einen "Wohlstandssprung" von 30 Jahren innerhalb weniger Jahre. Die ostdeutschen Geldvermögen seien 1990 ein Fünftel so groß wie die westdeutschen gewesen. Heute seien sie bei mehr als der Hälfte angekommen.

Die Bundesregierung will unterdessen das Ziel gleicher Lebensverhältnisse in Ost und West nicht aufgeben, aber ihre Förderpolitik ändern. Künftig sollen die Milliarden-Hilfen weitgehend für "spezifische Stärken der einzelnen Regionen" eingesetzt werden, wie aus dem am Wochenende bekannt gewordenen Entwurf des rot-grünen Jahresberichtes zum Stand der Deutschen Einheit hervorgeht.

Eindämmung des "Gießkannen-Prinzips"

Die als "Gießkannen-Prinzip" kritisierten flächendeckenden Ost-Hilfen sollen weiter eingedämmt werden. Nach Informationen der Sächsischen Zeitung plädiert die Regierung stattdessen für "eine Umorientierung der Strukturpolitik in den neuen Ländern". Allerdings soll auf "flächenwirksame Förderinstrumente" nicht ganz verzichtet werden.

Vergangenes Jahr seien rund 16 Milliarden Euro für Investitionen ausgegeben worden. Damit habe sich zwar der Abbau der Infrastrukturlücke verlangsamt, je Einwohner lägen die Investitionen im Osten aber immer noch etwa doppelt so hoch wie im Westen. Die Produktivität habe 2003 knapp 75 Prozent des westdeutschen Niveaus erreicht. 1991 habe sie bei 50 Prozent gelegen.

Trotz hoher Arbeitslosigkeit und regionaler Schwächen müsse dem Bild des Scheiterns deutlich widersprochen werden, betont die Regierung in ihrem Bericht. Es dürfe nicht zu einer neuen Spaltung zwischen Ost und West kommen. Rot-Grün werde an den Hilfen "auch in der zweiten Hälfte des Aufbaus Ost konsequent festhalten".



Entwicklungshilfe für Einkaufsstraßen

Berlin ist mehr als Alex, Ku'damm und Potsdamer Platz / Senat will Zentren wie Tempelhofer Damm oder Schönhauser Allee attraktiver machen / [Ed: und anderswo?]

Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 5. Oktober 2004, Seite 7 (Berlin) von MATTHIAS OLOEW. [Original]

Die Stadtentwicklungsverwaltung wendet sich den Problemen der Berliner Einkaufsstraßen zu. Seit dem Mauerfall stand die Entwicklung der Zentrumsmeilen am Alex, Ku'damm oder Potsdamer Platz im Mittelpunkt, jetzt hat die Verwaltung von Senatorin Ingeborg Junge- Reyer (SPD) einen Stadtentwicklungsplan "Zentren" für die anderen Einkaufsstraßen erstellt. Ende Oktober soll der Plan erstmals im Senat diskutiert werden [Ed: 10 Jahre zu spät!]. "Es war richtig, sich in den letzten Jahren der City zu widmen", sagte die Senatorin am Montag [4.10.2004], "aber wir dürfen den Tempelhofer Damm oder die Schönhauser Allee nicht aus dem Blick verlieren."

Mit der Frage, wie kränkelnde Innenstädte wieder attraktiver werden, befasst sich auch ein zweitägiger Kongress im Roten Rathaus, den Junge-Reyer zusammen mit dem Minister für Städtebau des Landes Nordrhein-Westfalen, Michael Vesper, am Montag eröffnete. Auf der Grundlage des an Rhein und Ruhr seit sechs Jahren praktizierten Programms "Ab in die Mitte" wollen die Stadtplaner über Wege diskutieren, die Innenstädte wieder attraktiver zu machen.

Der Stadtentwicklungsplan listet anhand von Einkommens- und Bevölkerungsstruktur die Potenziale der Berliner Einkaufsstraßen auf und legt fest, wo noch neue Einzelhandelsflächen entstehen können. Zusammen mit dem Plan will die Verwaltung außerdem einen Wettbewerb der Einkaufsstraßen ausloben. Dabei sollen Projekte prämiert werden, die zur Steigerung der Attraktivität beitragen. "Es geht nicht darum, Dönerbuden und Chinapfannen aneinander zu reihen", erklärt Dietrich Flicke, Abteilungsleiter der Stadtentwicklungsverwaltung, "sondern um ein künstlerische Idee zum Beispiel." Vorbilder hat das "Ab in die Mitte"- Projekt aus Nordrhein-Westfalen genügend geliefert, etwa eine kunstvolle Beleuchtung der Schwebebahn in Wuppertal. Das kann sich die Verwaltung auch für die stadtbildprägende Hochbahn in Kreuzberg oder Prenzlauer Berg vorstellen, um das Image zu stärken. Für den Wettbewerb hat der Senat als Preisgeld 100.000 Euro zur Verfügung gestellt. Wie viel Steuergelder in die konkrete Umsetzung der Ideen fließen wird, steht jedoch noch nicht fest.

Es hört sich alles ein wenig nach Quartiersmanagement für die bedrohten Einkaufsstraßen an und so ist es auch gemeint. Genauso wie in den Problemkiezen sollen auch in den Einkaufsstraßen alle an einen Tisch. Mit dabei wäre immer auch die Industrie- und Handelskammer (IHK). Ihr Präsident Eric Schweitzer forderte eine "Rückbesinnung auf die Werte der Stadt" und verlangte eine Stärkung der kleinen Läden, die noch vom Inhaber selbst geführt werden: "Sie sind das Salz in der Suppe der Innenstädte."

Für eine Zusammenarbeit dieser Art gibt es erfolgreiche Beispiele aus New York oder London. Anders als dort laufen die Innenstadt- Projekte hierzulande auf eine Private-Partnership- Finanzierung hinaus, bei der Steuern neben Sponsorengeldern verwendet werden. Ironie dabei: Einer der Partner ist der in Schwierigkeiten geratene Karstadt-Konzern.



Überangebot an Geschäftsflächen in Berlin

Stadtteilzentren in Gefahr / Zunehmende "Basarisierung" / Analyse widerspricht Ansicht des Senats

Aus:
Berliner Morgenpost, 18. Oktober 2004, Seite xx (Berlin). [Original=story710340.html]

Der ungehemmte Ausbau der Einzelhandelsflächen in Berlin stößt auch in der Immobilienwirtschaft auf wachsende Skepsis. Während der Senat noch einen Bedarf für weitere rund 400.000 Quadratmeter Verkaufsfläche sieht, kommt eine neue Marktanalyse der HVB Expertise – Immobilienberatungsgesellschaft der Hypovereinsbank Group – zu einem sehr viel kritischeren Urteil. Der Markt sei gesättigt, bisweilen ist sogar bereits "eine Übersättigung zu beobachten", so die HVB-Analyse. "Alle besseren Standorte in der Stadt sind besetzt", urteilt Holger Weber, Einzelhandelsexperte bei HVB Expertise.

Der weitere Zuwachs an Flächen führe nur zu einem "extremen Verdrängungswettbewerb", der eindeutig zu Lasten der Nicht-Top- Lagen gehe. Als Folge seien 1b- und Nebenlagen "kaum noch zu vermieten" oder nur mit extremen Mietnachlässen, heißt es in der Untersuchung. Selbst in den absoluten Top-Lagen wie am Kudamm habe der scharfe Wettbewerb zu einem deutlichen Rückgang der Mieten von rund 15 % seit der Jahrtausendwende geführt. Begleitet wird diese Entwicklung von weiter fallenden Umsätzen im Berliner Einzelhandel. Seit nunmehr 13 Jahren sinkt dieser kontinuierlich, auch 2004 wird sich das nicht ändern. So wird die Lücke zwischen erzielten Umsätzen und Flächenentwicklung immer größer: Allein seit 1996 ist die Verkaufsfläche in Berlin um rund 70 % gewachsen.

Dennoch ist der Boom bei der Entwicklung neuer Flächen ungebrochen, obwohl von den aktuell 4,2 Millionen Quadratmetern Verkaufsfläche nach Angaben des Berliner Einzelhandelsverbandes bereits rund 500.000 Quadratmeter leer stehen. Während in den 90er Jahren sehr stark im Ostteil investiert wurde, schlägt nun das Pendel der Investoren wieder in Richtung Westen aus.

Mit einer Verkaufsflächen-Ausstattung von 1,23 Quadratmetern je Einwohner liegt Berlin laut HVB nur noch knapp unter dem Bundesdurchschnitt. Das starke Wachstum der Shopping-Center und Fachmärkte – mittlerweile gibt es in Berlin mehr als 50 mit Verkaufsflächen von mehr als 5000 Quadratmeter – bringt jedoch viele gewachsene Stadtteilzentren in Bedrängnis. "Einige werden von der Bildfläche verschwinden", ist sich Holger Weber sicher. Diese würden wie etwa die Turmstraße in Moabit sprichwörtlich austrocknen, urteilte jüngst Stadtsoziologe Frank Roost. Auch die Müllerstraße in Wedding ist laut Experten ein Problemkandidat: Der etablierte Handel flüchtet, es bleiben die Discounter. Als "Basarisierung" beschreibt Holger Weber diesen Trend.

In der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung räumt man zwar einen zunehmenden "Kannibalisierungseffekt" im innerstädtischen Einzelhandel ein. Dennoch will sie an der Entwicklung umstrittener Projekte wie etwa der "Banane" am Alexanderplatz festhalten, denn der sei ein "hochattraktiver Einkaufsplatz". Der Berliner Einzelhandelsverband und viele Geschäftsleute sehen indes in den innerstädtischen Shopping-Centern inzwischen eine viel größere Bedrohung als in den Zentren, die nach der Wende jenseits des Stadtrands gebaut wurden.

Beate Profé, kommissarische Abteilungsleiterin in der Senatsverwaltung, hält diese Sicht für verkürzt: "Konkurrenz schadet nicht", außerdem könne man nicht staatlich verordnen, was wirtschaftlich tragfähig sei. Die Einzelhändler seien gefordert, selbst auf die neuen Entwicklungen zu reagieren. Es gebe durchaus Beispiele wie etwa in der Kastanienallee (Prenzlauer Berg), wo kleinteiliger Handel sehr erfolgreich agiere, weil er sich den Bedürfnissen der dortigen Käufer angepaßt habe, so Profé.

Auch für Holger Weber können etablierte Stadteilzentren durchaus konkurrieren, wenn rechtzeitig reagiert wird. Ein positives Beispiel ist für ihn die Schloßstraße in Steglitz, der Erfolg schlage sogar in die Nebenstraßen aus. Auch der Abwärtstrend der Wilmersdorfer Straße sei durch neue Projekte gestoppt worden, lobt Weber.

Hinsichtlich der Berliner Kaufkraft kommt er zu anderen Einschätzungen als der Einzelhandelsverband. Während diese aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit die Kaufkraft in der Stadt als extrem gering einschätzen, liegt sie für Weber mit 5160 Euro pro Kopf nur knapp unter dem Bundesdurchschnitt. Seine Begründung:"Der Berliner Einzelhandelhandel lebt nicht mehr von der eigenen Bevölkerung, sondern von Touristen und Käufern aus dem Speckgürtel."



V O M   E N D E   G E S C H I C H T S T R Ä C H T I G E R   E I N R I C H T U N G E N

Wegen Geschäftsaufgabe geschlossen

Institutionen des alten West-Berlin verschwinden. Sie sind überaltert — und sie kosten zu viel Geld.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 22. Juli 2005, Seite xx (Berlin) von CHRISTIAN VAN LESSEN. [Original]

BERLIN (Tsp). Erst der Flughafen Tempelhof, dann die Deutschlandhalle, jüngst der Bahnhof Zoo und das Internationale Congress Centrum (ICC): Die wichtigen Symbole des einstigen West-Berlin sind schon bedeutungslos geworden oder sie werden es. Jetzt will die Bahn auch noch den Busbahnhof von Charlottenburg nach Mitte verlegen. „Ich glaube, dass mit der Geschichte West-Berlins ausgesprochen ruppig umgegangen wird“, sagt der frühere Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU).

„Geschichte geht verloren, keine Frage“, meint Senatssprecher Michael Donnermeyer (SPD). Man wisse von den Emotionen in der Bevölkerung, „aber irgendwann müssten Symbole auch bezahlt werden“. Und dafür fehlt das Geld.

Diepgen kritisiert „die Bereitschaft, alles was vermeintlich doppelt in der Stadt vorhanden ist, im Westteil zu schleifen“. Er spricht von der „Arroganz“, die gerade Neuberliner dem alten Westen der Stadt entgegenbrächten. Die Deutschlandhalle freilich, deren Abbruch höchst umstritten ist, hat Diepgen zu seiner Amtszeit selbst abreißen wollen. Darüber möchte er sich heute nicht weiter äußern. Dass die Bahn den Bahnhof Zoo vom Fernverkehr abkoppeln will, erbost ihn allerdings. Derzeit werde fahrlässig die früher mit der Bahn abgestimmte Planung aufgegeben. Und beim vermeintlich unwirtschaftlichen ICC komme ein nächstes Gutachten bestimmt zu anderen Ergebnissen.

Der frühere Landeskonservator Helmut Engel warnt vor dem Abriss beider Bauten. Die Deutschlandhalle gehöre zur Stadtgeschichte und stehe unter Denkmalschutz. Die wahre Bedeutung des ICC werde man erst noch erkennen.

„Wir sollten Bauwerke nicht nur vom Kostenfaktor her betrachten“, sagt Uwe Stäglin (SPD), Baustadtrat von Steglitz-Zehlendorf. Es gehe auch um die Symbolkraft und den Einfluss auf das Stadtbild. Es dürfe nicht immer gleich nach Abriss gerufen werden. Der Osten der Stadt habe diese Welle nach der Wende erleben müssen. Stäglin hat in seinem Bezirk mit dem Kreisel nicht nur eines der höchsten Häuser Berlins, sondern auch ein Symbol für einen der größten Bauskandale der Stadt. Der Finanzsenator will das asbestbelastete Rathaus abreißen.

Gefährdet war das einst weltberühmte Rathaus Schöneberg nie. „Das Rathaus hat keinen Bedeutungsverlust erlitten“, glaubt Baustadtrat Gerhard Lawrentz (CDU), „nur einen Funktionsverlust. Es hat Symbolkraft nach wie vor.“ In älteren West-Berlinern weckt es nostalgische Gefühle: Regelmäßig gibt es Anrufe, wenn die Freiheitsglocke mal nicht erklingt oder die Uhren stehen geblieben sind. Das Haus wirkt über 10 Jahre nach dem Auszug von Senat und Abgeordnetenhaus wie ein zu großer Anzug für das Bezirksamt. Doch es gibt Tagungen, Führungen auf den Spuren des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy, der vom Rathaus aus 1963 zu den Berlinern sprach. Damals war übrigens der seit Jahren heruntergekommene Schöneberger „Prälat“, nur ein paar Schritte entfernt, noch eine Veranstaltungs-Institution.

Viele West-Berliner sehen mit Nostalgie im Blick auf weitere Gebäude, die eine große Rolle in der Nachkriegsgeschichte der Stadt spielten: Auf das Schiller-Theater, das nach der Wende dicht gemacht wurde und noch immer auf eine richtige Aufgabe wartet. Sie fürchten, dass Dahlem seine kulturelle Bedeutung verliert, wenn die berühmten Museen nach Mitte umziehen: etwa in den Schloss-Neubau, in dem möglicherweise auch einmal die Amerika-Gedenkbibliothek Platz finden soll. [mehr]



Stadtschloß kann schon in 8 Jahren stehen

Baukosten von bis zu 800 Millionen Euro / Studie empfiehlt private und öffentliche Nutzung.

Aus:
Berliner Morgenpost, 21. August 2005, Seite ?? (Titel). [Original=774406.html]

BERLIN (BM). Das wiederaufgebaute Berliner Stadtschloß soll nach Empfehlung von Experten künftig sowohl von privaten als auch von öffentlichen Einrichtungen genutzt werden. Dies geht nach einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" aus einer eigens angefertigten Studie hervor, die vom Bund und dem Land Berlin in Auftrag gegeben wurde. Die Bauarbeiten könnten der Studie zufolge schon 2007 beginnen und würden voraussichtlich 6 Jahre dauern.

Neben den Staatlichen Museen zu Berlin, den wissenschaftshistorischen Sammlungen der Humboldt-Universität und der Zentral- und Landesbibliothek sollen dort ein Luxushotel und eine Tiefgarage untergebracht werden. Bis 1950 stand auf dem Gelände die im Krieg schwer beschädigte Hohenzollern-Residenz.

Der Bericht soll am kommenden Mittwoch von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Bauminister Manfred Stolpe (beide SPD) und Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos) vorgestellt werden. Nur eine gemischte Nutzung verspreche eine Rendite, heißt es im Gutachten. Weder hochwertige Büros noch ein Einkaufszentrum könnten hinter den historischen Fassaden mit Gewinn angeordnet werden. Die Gutachter rechnen demnach mit Baukosten zwischen gut 500 Millionen und fast 800 Millionen Euro. Diese Summe lasse sich am besten durch das Zusammenwirken von öffentlicher Hand und privaten Investoren aufbringen. Die öffentlichen Haushalte würden dann 30 Jahre lang mit einem Betrag zwischen 20 Millionen und 40 Millionen Euro jährlich belastet. Bundesbauminister Stolpe sagte in einem Interview, er sei ein Anhänger der Rekonstruktion der Barockfassaden, und zwar möglichst bis ins kleinste handwerkliche Detail. Er sei auch zuversichtlich, daß sich das finanzieren ließe, betonte Stolpe.

Der Förderverein Berliner Schloß von Wilhelm von Boddien hatte stets erklärt, er werde die Mehrkosten von 80 Millionen Euro für die historischen Fassaden komplett durch Spenden abdecken. Boddien äußerte sich zufrieden über die Empfehlungen der Experten. Diese würden den Vorstellungen des Fördervereins weitestgehend entsprechen.



U - B A H N

In die Röhre geschaut

U 55 im Rohbau fertig / Zur Fußball-WM rollt Shuttlezug

Aus:
Berliner Morgenpost, 31. August 2005, Seite xx (Berlin). [Zum Artikel]



Zoopalast droht das Aus – Shopping-Mall geplant

Aus:
Berliner Morgenpost, 29. September 2005, Seite ?? (Bezirke). [Original]

CHARLOTTENBURG (bsm). Die Planungen zur Umgestaltung des Zoobogens gegenüber der Gedächtniskirche stießen gestern im Bauplanungsausschuß des Bezirkes auf Ablehnungen und große Skepsis. Vor allem die Absicht der Investoren, den Zoopalast als Kino nicht mehr weiterzubetreiben, wurde von allen Fraktionen kritisiert.

Wie berichtet, will die Bayerische Immobilien Gruppe das Zoobogen-Gelände an der Budapester Straße nach und nach sanieren und mit neuen Nutzungen revitalisieren. Projektentwickler Karl Stindt betonte, daß wenn es die Chance gebe, ein Kino wirtschaftlich zu betreiben, nichts dagegen spreche. Doch nach allen bisherigen Recherchen gebe der Markt an dieser Stelle kein Lichtspielhaus her.

Baubeginn – so die bisherigen Planungen – könnte nach der Fußball-Weltmeisterschaft im nächsten Jahr sein. Die anfänglichen Überlegungen, das Bikinihaus als Familienhotel mit Blick auf den Zoo umzugestalten, sind durch eine Shopping-Mall erweitert worden. Beauftragt mit den Arbeiten ist das Hamburger Architekturbüro "nps tchoban voss" und das Büro "Rhode Kellermann Wawrowsky" (RKW) aus Düsseldorf.

Architekt Matthias Pfeifer (RKW) erläuterte gestern im Rathaus Wilmersdorf Details der Planungen. Danach soll das denkmalgeschützte Ensemble in seinen wesentlichen Elementen erhalten bleiben soll. Um die Passantenströme – 40.000 pro Tag in Höhe des Hardenbergplatzes, aber nur 7.000 im östlichen Bereich des Ensembles – ins Haus zu ziehen, sollen große Eingänge sowohl im Hochhaus am Hardenbergplatz sowie im Bereich des Bikinihauses geschaffen werden. Im wenig frequentierten Teil des Bikinihauses soll ein Magnetmieter im Einkaufszentrum für rege Kundenströme sorgen. Die Architekten planen hier, einen attraktiven Weg durch die Ladenpassage, der auch durch das Kino führen würde.

Pfeifers Kollege Sergei Tchoban hat auch das Kaufhaus entworfen, das ab nächstem Frühjahr im ehemaligen Royal Palast im Europa Center entstehen soll. Die Baugenehmigung ist bereits erteilt.

Gekauft haben die Bayern das 22.000 Quadratmeter große Gelände bereits 2002. Es reicht vom 63 Meter hohen Gebäude am Hardenbergplatz über Zooplast und Bikinihaus bis zur Blauen Kugel. Neben der Kaufsumme von fast 200 Millionen Euro sollen mehr als 100 Millionen in Aus- und Neubau investiert werden.



DGB: Stellenabbau in Berlin nimmt dramatisch zu

Binnen 12 Monaten verliert die Stadt 32.000 Arbeitsplätze / Auch JVC schließt Werk

Aus:
Berliner Zeitung, 1. November 2005, Seite xx (Wirtschaft). [Original]

BERLIN – 31. Oktober. Der Stellenabbau in Berlin hat eine neue Dimension erreicht. Nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DBG) wurden zwischen Juli 2004 und Juli 2005 in der Hauptstadt "insgesamt 32.500 Arbeitsplätze abgebaut", sagte der Berliner DGB-Sprecher, Dieter Pienkny, am Montag [31.10.2005] der Berliner Zeitung. "Allein in der Baubranche seien unter anderem in dem Zeitraum rund 5.000 Stellen gestrichen worden, 4.100 waren es im Verarbeitenden Gewerbe. In der öffentlichen Verwaltung fielen den Angaben zufolge 3.800 Jobs, im Bereich Erziehung und Wissenschaft 3.600 und in sonstigen Dienstleistungen 3.000 Arbeitsplätze weg. "Insgesamt hat die Stadt in den letzten 5 Jahren fast 130.000 Arbeitsplätze verloren", sagte Pienkny. Die größten Verluste habe es neben dem zurückliegenden Jahr vor allem zwischen 2002 und 2003 mit einem Abbau von damals 38.000 Jobs gegeben.

Innovationen fehlen

Ein Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht. Wie berichtet, planen Unternehmen wie Samsung, DaimlerChrysler, Siemens, der Zigarettenhersteller Reemtsma und Stiebel Eltron den Abbau weiterer mehr als tausend Arbeitsplätze in der Hauptstadt. Samsung will sein Bildröhrenwerk bis Jahresende schließen und 750 Jobs abbauen. Die jüngste Hiobsbotschaft kommt von der Berliner Tochter des japanischen Elektronikunternehmens JVC Video Manufacturing Europe: "Wir werden die Fertigung an unserem Standort Wittenau bis Ende Januar 2006 schließen", sagte Geschäftsführer Rudolf Kumpera. Davon betroffen seien 225 der derzeit 235 Beschäftigten. Die verbleibenden 10 Beschäftigten sollen zukünftig für die Qualitätskontrolle im europäischen Raum zuständig sein. Seit 1981 werden am Berliner Standort Video Rekorder und seit 5 Jahren auch DVD-Rekorder und digitale Videokameras hergestellt. Anfang der 90er Jahre arbeiteten in dem Unternehmen noch 1.200 Menschen. Seither wurde die Mitarbeiterzahl stetig abgebaut. Kumpera begründete die Schließungspläne mit dem "dramatischen Preisverfall und den steigenden" Kosten. "Das ist ein Problem, das die gesamte Elektronikbranche betrifft", sagte der Unternehmenschef. "Wir können in Berlin keine Gehälter wie in China zahlen".

Der Betriebsratschef von JVC Berlin, Harald van Zuijlen, warf dem Management dagegen vor, nicht rechtzeitig in neue Produkte investiert zu haben. "In den letzten 5 Jahren ist hier gar nichts passiert, die Automatisierung wurde sogar noch zurück gefahren."

Der Berliner DGB-Landeschef Dieter Scholz nannte den anhaltenden Stellenabbau in Berlin dramatisch. "Die Zahlen belegen, dass es in der Berliner Industrie keine Entwarnung gibt", sagte Scholz. "Die Schwachstellen sind in vielen Betrieben vor allem Innovation und Qualität", so der DGB-Landeschef. Vielen Unternehmen fehle "oftmals die Kompetenz, um die Marktentwicklung richtig einzuschätzen, darum unterbleiben dort die notwendigen Innovationen". Ein weiteres Problem sei "die fehlende Kaufkraft der Berliner".

Der Sprecher der Senatswirtschaftsverwaltung, Christoph Lang, sieht in der neuerlichen Schließung eines wichtigen Industriebetriebes "keine Entscheidung gegen den Standort". Der Senat biete Unternehmen seine Hilfe an, "über die Schließungspläne von JVC waren wir aber auch nicht informiert". Der Beschluss zeige, "wie wichtig es ist, stetig auf Produktinnovation zu setzen". Leider könne der Senat die Unternehmen nicht dazu zwingen. "Wir müssen aber versuchen, verstärkt Netzwerke zu schaffen, in die Unternehmen gemeinsam mit Universitäten und Forschungseinrichtungen fest eingebunden sind", sagte Lang. Auf diese Weise könnte eher verhindert werden, dass Entscheidungen wie im Falle JVC und Samsung fernab [in Fernost] am grünen Tisch entschieden würden.



Eine Frage der Zeit

Bahnhof Zoo, Paris-Bar oder ICC: Die alten Symbole West-Berlins verblassen, erst langsam wächst Neues.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 4. Dezember 2005, Seite xx (Berlin). [Original]

BERLIN (Tsp). Sie sind die Symbole des neuen Berlin: der Potsdamer Platz, das Brandenburger Tor, der Pariser Platz, die Linden, der Reichstag mit Kuppel, die Museumsinsel, das Rote Rathaus. Auch das Bundeskanzleramt, der Hackesche Markt, die neue Friedrichstraße, das Szeneviertel Prenzlauer Berg. In der sich schnell wandelnden Stadt sind sie Anziehungspunkte, mit denen auch die Tourismusmanager gern in aller Welt werben. Wie mit dem Kurfürstendamm, der gerade einen Boom erlebt. Dafür geraten die anderen Wahrzeichen des „alten“ Berliner Westens zusehends ins Abseits.

Auch wenn derzeit viel im Westteil investiert wird – in der City, aber auch beispielsweise an der Steglitzer Schloßstraße –, so schwindet doch Bekanntes: Die Flughäfen Tegel und Tempelhof werden in absehbarer Zeit geschlossen, das Ende des Fernbahnhofs Zoo ist besiegelt. Die Deutschlandhalle und das ICC stehen auf der Abschussliste. Nun müssen Theaterfreunde auch um die Boulevard-Bühnen am Kurfürstendamm fürchten, weil das Ku’damm-Karree umgebaut werden soll. Die „Paris Bar“, Wohnzimmer der Stars und Starletts, gilt als gefährdet, weil sie in Finanznöten ist. Und die weithin sichtbare Kugel der einstigen alliierten Radarstation auf dem Teufelsberg wird vermutlich bald demontiert.

Viele West-Berliner haben das Gefühl, die einstige Hälfte verliere im Gesamtorganismus der Stadt an Bedeutung. Sie spüren den Verlust gewohnter Symbole – und die neuen Objekte der Identifikation sind noch nicht nachgewachsen. Auch der Hauptbahnhof wird ein Symbol des Neuen werden. Derzeit aber macht die Verlagerung des Fernverkehrs nach Mitte vielen im Westteil deutlich, dass ein wichtiges Stück ihrer Geschichte beendet ist. Dass sie von der Bahn in Randlage gerückt werden, weil es eine neue Mitte gibt. Der lange so schmuddelige Bahnhof Zoo war für die Westbezirke eben mit den Flughäfen Tempelhof und Tegel ein Wahrzeichen der Verbundenheit mit dem Bundesgebiet.

Als Symbol galt auch die in den fünfziger Jahren wieder aufgebaute Deutschlandhalle, der größte überdachte Veranstaltungsort West-Berlins. Messe und Senat wollen sie, weil neue Hallen im Ostteil entstanden, längst nicht mehr. Als Alternative erscheint nur der Abriss. Stolz eröffnete das Land Berlin vor 26 Jahren das ICC, Politiker lobten sein futuristisches Aussehen und seine moderne Technik. Das Bauwerk hatte zudem beispiellose Kosten verursacht: 1 Milliarde Mark. Nun gilt das ICC als veraltet und reparaturbedürftig, so dass nur Abriss oder Verkauf möglich scheinen. Wie beim asbesthaltigen Steglitzer Kreisel-Hochhaus, das zu den verkehrsgünstigsten Rathäusern gehört. Es gibt kaum ein öffentliches Bemühen, das Haus zu retten. Stets und ständig wird in Berlin über Abriss diskutiert, der – abgesehen vom Palast der Republik – leichter scheint, je westlicher ein Bauwerk liegt.

Vom „alten Ost-Berlin“ ist in der Öffentlichkeit nie die Rede, dafür wird das „alte West-Berlin“ oft als faul, subventionsverwöhnt und verfilzt bezeichnet. Vergessen wird zum Unwillen der Berliner oft, dass die 2-Millionen-Metropole jahrzehntelang Hoffnung für Hunderttausende in- und ausländischer Zuwanderer war. Ein Symbol der Toleranz und kulturellen Vielfalt. Hier wurden alternative Lebensformen entwickelt, neue Wege der Stadtsanierung erprobt.

Auch die Dahlemer Museen und das Kulturforum in Tiergarten werden vermutlich zugunsten der Museumsinsel an Bedeutung verlieren. Das Rathaus Schöneberg, einst weltberühmt, ist in der Rangliste Berliner Symbole längst auf die hinteren Plätze gerutscht. Wie die Siegessäule, oder auch der Funkturm, der völlig im Schatten des zum Fußball-WM-Wahrzeichen gekürten Fernsehturms steht.

Aber das Europa-Center hält als Symbol des Westens stand, das KaDeWe ist unumstößlich, Tauentzien und Ku’damm sind im Aufwind. Fast vergessen sind frühere Kino-Symbole: Filmbühne Wien oder Gloria-Palast. Dafür flimmert am neuen Ku’damm-Eck wie einst die Leuchtwand. Sie verkündet regelmäßig Protest gegen die Bahnhof-Zoo-Pläne der Bahn. Der Westen fühlt sich eben ein wenig abgehängt. So lange, bis es neue Objekte der Identifikation gibt. [Ein Kommentar]



K A M P F   G E G E N   D I E   K O R R U P T I O N

Schmieren – aber bitte auf Rechnung

Wie sich das Land Berlin wehrt. Die Zahl der Bestechungsfälle in Berlin steigt, auch wegen der intensiven Fahndung. Tricks krimineller Firmen werden raffinierter.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 28. Dezember 2006, Seite xx (Berlin). [Original]

BERLIN (Tsp). In Berlin wird geschmiert und bestochen wie seit Jahren nicht mehr: 411 neue Korruptionsverfahren meldet die Staatsanwaltschaft bis Anfang Dezember, 17 Prozent mehr als 2004. Dieser Anstieg ist nach Auffassung von Oberstaatsanwalt Claus-Peter Wulff jedoch auch der intensiveren Bekämpfung der Korruption zu schulden: „Wo man genauer hinsieht, findet man auch mehr“, sagt er. Anders ausgedrückt: Nur ein kleiner Teil der kriminellen Geschäfte wird überhaupt aufgedeckt. „Es fehlt an Hinweisgebern“, sagt Justizsenatorin Karin Schubert (SPD). Denn die Informanten fürchten um ihren Job, wenn sie Kollegen oder sogar ihren Chef anschwärzen. Wird ihre Identität entdeckt, werden sie oft bedrängt, gemobbt und geschnitten.

Hier soll im nächsten Jahr ein neues Informationssystem Abhilfe schaffen. Per E-Mail werden dann Beamte und Angestellte Hinweise auf Begünstigung, Untreue oder Vorteilsnahme in Ämtern geben und dabei ihre Anonymität wahren können. Justizsenatorin Schubert rechnet in der Folge mit einer weiter steigenden Zahl von Ermittlungsverfahren. Ein guter Quellenschutz für Informanten ist in Spandau bereits seit längerer Zeit gewährleistet: Ein Anwalt nimmt die Fälle im Auftrag des Bezirks auf; die räumliche und berufliche Entfernung von der Behörde sorgt für zusätzlichen Schutz. Die Fälle, die dort und bei der Staatsanwaltschaft eingehen, lehren viel über die Tricks krimineller Firmen – und über die Verführbarkeit der Menschen.

Oft fängt es harmlos an. Es ist Sommer und heiß auf der Baustelle. Die Handwerker haben gut gearbeitet, die behördliche Bauaufsicht fast nichts zu beanstanden. Die kleinen Probleme vor Erteilung der Bauabnahme räumt man bei einem Bier aus. „Ich mach' das schon“, sagt der Unternehmer, greift nach der Rechnung und bezahlt. So kommt man besser ins Gespräch. Und deshalb diskutiert man mit der Bauaufsicht die Pläne für den nächsten Neubau gleich beim Italiener, „weil es da gemütlicher ist“. Wieder steht vorher schon fest, wer bezahlen wird.

„Anfüttern“ nennt Oberstaatsanwalt Wulff das, weil der Appetit des Beamten mit jeder Einladung wächst, bis er zu Gier wird. Dann ist das Opfer im Netz: Der Beamte ist erpressbar, weil er Vorteile annahm. Dadurch haben sich die Kräfteverhältnisse umgekehrt: Konnte der Beamte zuvor die Willkür des Unternehmers im Interesse der öffentlichen Bauplanung einschränken, so sitzt nun der Bauunternehmer am längeren Hebel. Einer sparte dadurch Millionen, weil ihm der angefütterte Beamte den vorgeschriebenen Bau von Stellplätzen erließ. Genehmigungen für nicht genehmigungsfähige Pläne, das ist ein Ziel von Bestechung im Baubereich. Die Täter gehen dabei nach streng betriebswirtschaftlichen Grundsätzen vor; der Nutzen ist immer höher als die Kosten. „Nicht die kleinste Zuwendung wird ohne Hintergedanken gewährt“, sagt Korruptionsjäger Wulff.

In einem anderen Fall saß in einer Verwaltung ein unerfahrener Mitarbeiter in einer Schlüsselstellung, verantwortlich für die Vergabe der lukrativen Arbeiten. „Sein Chef hätte eigentlich wissen müssen, dass er überfordert ist“, sagt Wulff. Doch dem hatte eine neue Liebschaft den Kopf verdreht. Das war kein Zufall. Die neue Herzdame war gezielt auf den Amtsleiter angesetzt worden – von einem Firmenkartell. Deren Mitglieder hatten die Unterwanderung der Vergabestelle minutiös geplant. Am Ende hatten sie einfaches Spiel: Nach Belieben konnten sie die Inhalte der Ausschreibungen diktieren – und dadurch die Aufträge der Behörde unter sich aufteilen. Der unerfahrene Beamte half tatkräftig mit. Er hatte seinen Hunger auf Kosten des Kartells gestillt: bei Restaurant- und Bordellbesuchen. „Der Mensch ist verführbar“, sagt Wulff.

Dabei spielt Geld eine wichtige Rolle. Bares allerdings selten. „Es ist ein Märchen, dass die Kriminellen einen Koffer voller Geld in die Amtsstube tragen“, sagt der Oberstaatsanwalt. Das ist den meisten einfach zu teuer. Die Mittel, mit denen der Wille anderer Menschen gebrochen wird, sollen von der Steuer absetzbar sein. Deshalb quittieren die korrumpierten Personen in Schlüsselstellungen oft ihre illegalen Einnahmen: Die Beamten haben dann angeblich an „Geschäftsessen“ teilgenommen, „Provisionen“ oder „Beratungsgebühren“ erhalten oder auch an „Fortbildungsveranstaltungen“ mitgewirkt. Die Kosten für die Bestechung werden übrigens auch in die Kalkulation für den Auftrag eingerechnet: Was der korrupte Beamte kassiert für die „Verschiebung“ eines öffentlichen Auftrags, zahlt also seine Behörde.

Auch Beispiele von Untreue und Vorteilnahme im Zusammenspiel von Banken und ihren Schuldnern sind keineswegs selten. Ein beliebter Trick ist der so genannte „Kick-back“. Das könnte man frei als „Rückfluss“ übersetzen. Es funktioniert so: Eine Firma schreibt eine überhöhte Rechnung an ein anderes Unternehmen, zahlt dann aber einen Teil des erhaltenen Geldes in bar an den Auftraggeber zurück. Das hat zwei Vorteile: Das zurückfließende Bare ist „steuerfreies“ Schwarzgeld. Außerdem kann der Auftraggeber die Rechnung bei seiner Bank einreichen, um zusätzliche Kredite zu erhalten. Bewilligt werden diese meistens aber nur dann, wenn ein „Komplize“ in der Bank sitzt. Denn das abgezweigte Geld ist für die Bank ein riskanter „Blankokredit“, der nicht durch Gegenwerte wie Bauleistungen oder Material gedeckt ist.



Der Aufbauhelfer vom Potsdamer Platz

Daimler-Chrysler-Manager Hans-Jürgen Ahlbrecht gehört zu den Vätern des neuen Viertels. Jetzt verabschiedet er sich.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 30. Dezember 2005, Seite xx (Berlin) von BERND MATTHIES. [Original]

BERLIN (Tsp). Der Ärger liegt schon lange zurück, aber Hans-Jürgen Ahlbrecht kann ihn aus dem Stand heraufbeschwören: „Da hat diese grüne Abgeordnete damals behauptet, der Potsdamer Platz sei ja für Daimler eine Lizenz zum Gelddrucken.“ So ein Unfug, sagt er, die Milliarden-Investition habe dem Konzern bis heute keinen Euro eingebracht. Im Gegenteil: „So etwas wäre heute nicht mehr denkbar.“ Ahlbrecht kennt sich aus, er hat als langjähriger Geschäftsführer der Daimler-Chrysler-Immobilien-GmbH seinen Teil zum Wiederaufbau der Berliner Mitte beigetragen. Zum Jahresende räumt er sein Büro und tritt mit 62 Jahren in den Ruhestand – Ende des aktiven Berufslebens für einen, der 30 Jahre „beim Daimler“ verbracht hat.

Ahlbrecht, geboren in Österreich, hat zwar an der TU Berlin Wirtschaftsingenieurwesen studiert und in Betriebswirtschaft promoviert. Doch er geriet nur per Zufall in die Rolle eines der Väter des neuen Potsdamer Platzes. Nach 3 Jahren als Leiter eines Lkw-Werks in Nigeria kehrte er 1990 als Chefcontroller zur Daimler-Tochter Debis nach Deutschland zurück – und sah sich quasi automatisch in der Rolle des Finanzchefs für das Jahrhundertprojekt in Berlin. Ursprünglich hatte Daimler-Benz nur eine Niederlassung an der Mauer bauen wollen, doch die Wende ließ die Pläne über alle Grenzen wachsen. „Wir waren damals zu fünft“, erinnert sich Ahlbrecht, „und wir reisten um die ganze Welt, um uns Ideen zu holen“. Dann kam die Runde hochinspiriert aus Hongkong zurück. Einen gläsernen Turm wollte sie bauen, bis in die Wolken, ein Wahrzeichen des neuen Berlins. „Aber dann sagte uns Senatsbaudirektor Stimmann, okay, aber nicht höher als 21 Meter 50.“

Ahlbrecht sprudelt über vor Geschichten, die die Daimler-Macher beim Poker mit ihren häufig wechselnden amtlichen Gesprächspartnern erlebt haben. Vor allem die Grünen, kurzfristig in der Regierungsverantwortung, träumten sich das Daimler-Areal als vorstädtische Multikulti-Idylle für Niedrigenergie-Wohngemeinschaften mit Windrad und Biogasgenerator – und das kollidierte hart mit der Vorstellung der Investoren, die an den ersten Planungen nicht einmal beteiligt wurden. Als sich die Verhandlungen über ein Einkaufszentrum konkretisierten, rechnete sich der Betreiber ECE 6.500 Parkplätze aus. „Wir gingen damit zu Senatorin Schreyer“, berichtet Ahlbrecht mit sanftem Schaudern, „und sie sagte uns, tja, mehr als 156 kann ich nicht genehmigen.“

Das war der Anfang eines orientalisch anmutenden Verhandlungsmarathons: 2.500 Parkplätze entstanden schließlich unterirdisch, weitere 1.500 wurden in einem Parkhaus auf der anderen Seite des Landwehrkanals errichtet. Das aber war Kreuzberger Gelände, und der Bezirk erteilte die Erlaubnis erst, als Daimler versprochen hatte, auch noch eine Fußgängerbrücke vom Technikmuseum über den Kanal zu spendieren. Deren Sinn ist heute so unklar wie damals... Es wurde gefeilscht und gepokert und getrickst nach Kräften, und als die Investoren das seltsame Ergebnis des ersten öffentlichen Wettbewerbs mit einem eigenen Entwurf von Richard Rogers konterten, schlugen die Wellen der Empörung hoch.

Ahlbrecht, der von seinem Büro im sechsten Stock viele der architektonischen Glanzstücke des Areals sehen kann, ist inzwischen weit milder gestimmt als auf dem Höhepunkt der kafkaesken Verhandlungen. Ja, er ist richtig zufrieden. „110 Prozent!“, sagt er knapp, es habe sich gelohnt, das alles durchzustehen, weil ein Stadtteil entstanden ist, den die Menschen mögen und besuchen. Er selbst sitzt gern in der Marlene-Bar, liebt den Pool im achten Stock des Hyatt-Hotels und betrachtet das Werk, an dem er so großen Anteil hatte, am liebsten droben von der Dachterrasse des Kollhoff-Hauses. Mit Spannung erwartet er, ob die bevorstehende Eröffnung des Regionalbahnhofs neue Besucherscharen bringt, skeptisch betrachtet er die immer wieder verschobene Öffnung des Tiergarten- Tunnels, den er lieber direkt mit dem Schöneberger Südkreuz verbunden gesehen hätte.

Mit Daimler-Chrysler ist nun Schluss. Ahlbrecht gibt alle Funktionen in der Firma ab. Das heißt allerdings nicht, dass er sich nicht weiter für die TU engagiert und weiter zum Aufsichtsrat der Berlinwasser gehören wird. Und er wird sich auf dem Laufenden halten, was den Potsdamer Platz angeht, notfalls auch ohne Daimler: Die S-Bahn-Verbindung ins heimische Nikolassee gefällt ihm ganz ausgezeichnet. [Berlin-Report zum Potsdamer Platz]



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      Zum Teil 4

    © 2002-2011  –  Karl-Heinz Dittberner (khd) – Berlin   —   Last Update: 28.05.2011 11.53 Uhr