Amtliche Verwahrlosung eine einzige Zumutung
Der Unmut über die Neugestaltung des Alexanderplatzes wird immer heftiger. Stadtplaner
und Architekten fordern neue Visionen und mehr urbanes Leben.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin,
6. April 2013, Seite 14 (Berlin).
[Original]
BERLIN (Tsp). Die Kritik am neuen Alexanderplatz türmt sich immer weiter auf.
Denkverbote in der Berliner Stadtplanung und eine grundsätzliche
Verweigerung, eine
Debatte über zentrale Berliner Orte wie den Alexanderplatz zu
führen, wirft der renommierte Planer Dieter Hoffmann-Axthelm dem Berliner Senat vor. Statt den
vor 20 Jahren beschlossenen planerischen Wahnsinn auszutrocknen, halte der Senat an den
Bebauungsplänen fest und werde ohne eigenes Leitbild für den Ort von den Entwicklern der
Türme und Blöcke vor sich hergetrieben.
Der Entwickler des ersten von zehn 150 Meter Türmen am Alexanderplatz, der
US-Immobilienentwickler Hines, hatte durch die Vorlage eines neuen Bebauungsplanes eine heftige
Debatte über die Gestaltung des Alexanderplatzes ausgelöst.
Hans Kollhoff, der den vom Senat beschlossenen und in einem Wettbewerb ausgewählten Masterplan
entwickelt, hatte vor allem die Verschiebung des Turmes aus der Mitte des Blockes an dessen
nord-östlichen Rand scharf kritisiert. Auch die Billigheimer, wie er die bisher
realisierten Neubauten wie die Kaufhäuser Alexa oder die Neue Mitte
nennt, zerstörten den Ort.
Die Abschottung des Platzes durch Schnellstraßen ist dessen Tod gewesen, sagt
Hoffmann-Axthelm und fordert vom Senat den Mut, den missglückten Städtebau
grundsätzlich zu korrigieren. Als amtliche Verwahrlosung bewertet Hoffmann-Axthelm
die Lage nördlich und südlich vom Bahnhof Alexanderplatz. Trinkgelage und Gewalt
würden befördert durch die großen freien Flächen, Jonny K. war dort
totgeprügelt worden. Dagegen hilft Hoffmann-Axthelm zufolge nur die Urbanisierung
des Ortes: Die Königsstraße, bis zum Krieg eine der wichtigsten Achsen im historischen
Berlin sie verband Alexanderplatz, Rotes Rathaus und Schlossplatz miteinander ,
müsse wieder hergestellt werden.
Über den Alexanderplatz hinaus könne diese Verbindung über die Neue
Königsstraße und Otto-Braun-Straße bis zur Greifswalder Straße führen.
Die Häuserzeile nördlich des Platzes die früheren TLG-Bauten müsse
durchbrochen werden, damit die neu entstehenden Quartiere nördlich davon durch die historischen
Straßen wieder verbunden werden mit dem Alexanderplatz. Grundsätzliche Eingriffe seien
das, die Mut verlangten, aber darüber wird nicht mal mehr nachgedacht, empört
sich Hoffmann-Axthelm. Und weil die Kraft fehle, planerische Leitbilder zu schaffen, setzten
Entwickler Baugenehmigungen nach Gutdünken durch. Dies befördere
Wildwuchs [Ed: oder wie unlängst derSPIEGEL schrieb
Wowis Legoland].
Eine einzige Zumutung, nennt auch Architekt Jan Kleihues den Alexanderplatz und
führt das auf die misslungene städtebauliche Gestaltung zurück. Ob eine
zeitgenössische, rückwärtsgewandte oder klassisch moderne
Architektursprache gewählt werde, sei allerdings für den Masterplan zur Gestaltung des
Platzes gleichgültig. Dafür ist auch Kollhoffs Vorschlag flexibel genug, so
Kleihues. Der Architekt rät dazu, an dem Kollhoffschen Leitbild festzuhalten, um einen
Wildwuchs zu verhindern.
Für Kleihues ist nicht etwa die DDR-Architektur schuld an der Misere: Da gibt es sehr
schöne Beispiele wie das Haus des Lehrers oder die Kongresshalle. Ein städtisches
Ensemble bildeten die auf der Freifläche abgeworfenen Solitäre jedoch nicht. Darin,
nämlich dem Städtebau der Moderne, liege das Problem. Wobei in Ost und West ähnliche
Fehler gemacht wurden Bauten sind eben nicht nach einem städtischen Grundriss angeordnet,
sondern frei aufgestellt worden.
Auch Kleihues meint, dass der Gebäuderiegel nördlich des Alexanderplatzes aufgebrochen
werden müsse, um die anschließenden Quartiere an den Platz anzubinden. Auch das aus der
DDR-Zeit erhaltene Hotel-Hochhaus wertet er nicht mehr als zeitgeschichtlichen baulichen Zeugen.
Von der ursprünglichen Fassade ist nichts geblieben, sagt Kleihues, das hat
keine Identität mehr.