Living in a City  —  Reports aus Berlin     – Zum Report 8 khd
Stand:  9.9.2008   (36. Ed.)  –  File: Bln/Ex/Berlin_Alexanderplatz_04.html



Diese Seite ist eine Ergänzung zu einem Berlin-Report. Es gilt der CopyRight-Hinweis.

      Alex mit geplanten Hochhäusern
Der Alexanderplatz ist die eigentliche Mitte Berlins und wurde nach dem Mauerfall recht stiefmütterlich behandelt. Die Weltzeituhr, der Brunnen, das ehemalige Centrum- Warenhaus (nun Kaufhof), das ehemalige Interhotel Stadt Berlin (nun das Park Inn), das Haus des Lehrers mit Kongreßhalle (nun das BCC) zu Füßen des Fernsehturms: Berlins Mitte präsentiert sich auch im Jahr 2004 – 15 Jahre nach dem Fall der Mauer – zu großen Teilen noch so, wie ihn die DDR-Stadtplaner einst entwarfen.

Zwar gab es Anfang der 90er Jahren einen städtebaulichen Wettbewerb. Und der siegreiche Masterplan des Architekten Hans Kollhoff von 1993 sieht einen Bau von 10 ‚Wolkenkratzern‘ zur nordöstlichen Begrenzung des Platzes vor. Aber daraus wurde bislang eine reine Luftnummer. Es fehlte der Bedarf und damit das Geld. Denn die gesamte Geldbranche sitzt noch immer in Frankfurt am Main und schickt sich auch nicht an, in die Metropole zurückzukehren. Auch hier muß Berlin nun kleinere Brötchen backen. [Translation-Services]


Berlin Alexanderplatz (4)

I n h a l t :


Neues Geschäftshaus am Alex

Saturn wird Hauptmieter / Eröffnung in zwei Jahren

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 25. Mai 2007, Seite ?? (Berlin). [Original=3288706.asp]

BERLIN (CD). Der Alexanderplatz knüpfe „wieder an seine historische Bedeutung als höchstfrequentierter Platz in der Berliner Mitte“ an, prophezeite gestern Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge- Reyer (SPD). Anlass war die Grundsteinlegung für das Geschäftshaus „Die Mitte“ des US-Investors Hines am südöstlichen Teil des Platzes. „Damit wird die letzte Lücke geschlossen“, sagte Junge-Reyer.

Das 100 Millionen Euro teure Gebäude soll im Frühjahr 2009 mit 22.200 Quadratmeter Fläche auf 6 Etagen (inklusive Dachgeschoss) öffnen. Hauptmieter ist Saturn: Der Elektronikmarkt wolle seinen Standort im Flachbau des Hotels „Park Inn“ räumen und in dem Neubau auf einer mehr als doppelt so großen Fläche den „modernsten Flagshipstore“ einrichten, sagte Filialgeschäftsführer Rainer Schemel. Saturn werde alle Räume ab dem 1. Stockwerk belegen. Bis zu 14 weitere Läden ziehen in Erd- und Untergeschoss, Namen wurden wegen laufender Verhandlungen noch nicht genannt. Das Haus werde sich „mit allen Ladengeschäften zum Alexanderplatz hin öffnen“, sagte Franz Karl Wambach von der Hines Immobilien GmbH.

Die Fassade soll Bezug nehmen auf das Alexander- und das Berolinahaus. Der Entwurf stammt vom Düsseldorfer Architektenbüro Rhode Kellermann Wawrowsky. Der ursprünglich geplante Bau eines Hochhauses wurde mangels Mietern zurückgestellt. Allerdings könnte der Turm später noch entstehen – auf einer angrenzenden Freifläche und über einem Teil des jetzigen Neubaus.

Bereits im September wird zwischen Alex und Jannowitzbrücke das Center „Alexa“ mit 180 Läden öffnen. Die dortigen Bauherren verhandeln auch noch mit möglichen Investoren für ein Hochhaus.

Unterdessen modernisiert die Wall AG jetzt die unterirdische Toilette aus den 20er Jahren, die an einem der U-Bahneingänge nahe dem Berolinahaus liegt. Nach Plänen des Büros Iondesign entsteht für 750.000 Euro bis Ende August eine neue Anlage. Als Besonderheit sollen Fotos des nächtlichen Alex die Wände zieren; oben entsteht ein Glaskubus als Eingang.



Straßenbahn M 2 fährt jetzt zum Alex

Aus:
RBB-online, Berlin, 30. Mai 2007, 14.16 Uhr MESZ (Verkehr). [Original]

BERLIN (rbb). Die Straßenbahn M 2 fährt seit Mittwoch [30.5.2007] bis zum Alexanderplatz. Nach mehr als 4 Jahren Bauzeit wurde der 1,2 Kilometer lange Streckenabschnitt zwischen Mollstraße/Prenzlauer Allee und Alexanderplatz/Dircksenstraße in Betrieb genommen.

Die Straßenbahn sei kein billiger Ersatz für die U-Bahn, sondern ein wichtiges und umweltfreundliches Verkehrsmittel gerade in der Innenstadt, sagte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD).

20.000 Fahrgäste werden die neue Verbindung laut einer Prognose der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) jeden Tag nutzen. Am Alex steigen täglich 150.000 Menschen in Regionalzüge, S- und U-Bahnen sowie Straßenbahnen und Busse um.

Die Bauarbeiten für die Verlängerung der aus Heinersdorf kommenden Linie hatten im März 2003 mit dem Umbau am Prenzlauer Tor begonnen. Der Ausbau der M 2 kostete laut BVG 18,8 Millionen Euro und wurde aus Bundes- und Landesmitteln finanziert.



Rund 1000 neue Jobs im Einzelhandel

Aus: Yahoo-News, 14. Juni 2007, 15.02 Uhr MESZ (Wirtschaft). [
Original]

BERLIN. Die Rolltreppen funktionieren schon. Jetzt müssen die Mieter noch ihre Geschäfte einrichten. Im Spätsommer erhält Berlin ein weiteres neues Einkaufszentrum: Das Alexa in der Grunerstraße in Mitte soll am 12. September eröffnet werden.

Die Shopping-Mall biete Gästen jeden Alters eine Mischung aus Einkaufen, Erholung und Unterhaltung, sagte der Chef von Sonae Sierra, Álvaro Portela, am Donnerstag [14.6.2007] in Berlin. 95 Prozent der Geschäftsfläche seien bereits vermietet.

Das portugiesisch-britische Unternehmen Sonae Sierra hat den Angaben zufolge gemeinsam mit dem französischen Partner Foncière Euris 290 Millionen Euro in das Projekt am Alexanderplatz investiert. "1000 neue Arbeitsplätze sollen entstehen", sagte Portela. Die 56.200 Quadratmeter Geschäftsfläche teilen sich 180 Läden. Darunter sind große Anbieter für Unterhaltungselektronik und kleine Schreibwarengeschäfte, Supermärkte und Restaurants, bekannte Mode- und Kosmetikmarken.

Neben Einzelhandel und Gastronomie soll Alexa seinen Kunden Unterhaltungs- und Erlebniswelten bieten. So will die Züricher Kindercity dem Nachwuchs die Wissenschaft spielerisch vermitteln. Das Berliner Unternehmen Loxx wird die Stadtlandschaft mit Modelleisenbahn und -flughafen im Miniaturformat abbilden.

Die Mietpreise sind den Angaben zufolge nach Branchen und Lage zwischen 15 und 60 Euro pro Quadratmeter gestaffelt. Es wird mit rund 9 Millionen Besuchern jährlich kalkuliert. Eine Tiefgarage bietet auf drei Ebenen 1600 Parkplätze.

Portela sagte, die Entwicklung von Einkaufszentren sei ein langfristig orientiertes Geschäft. Die Investition rechne sich nach 9 bis 12 Jahren. Alexa ist das erste Projekt der portugiesisch-französischen Partner in Deutschland. Nach Angaben von Portela soll möglichst jedes Jahr an einem deutschen Standort ein Einkaufszentrum hinzukommen. In Berlin verfolge das Unternehmen zurzeit aber keine weiteren Pläne.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung begrüßt das Engagement der Investoren. "Wir freuen uns, dass es am Alexanderplatz weitergeht und dass Alexa bald eröffnet wird", sagte Sprecherin Manuela Damianakis.

Nach Auffassung des Hauptgeschäftsführers des Einzelhandelsverbands Berlin-Brandenburg, Nils Busch-Petersen, "kann Alexa eine Bereicherung für die Berliner Einzelhandelsfamilie werden". Er werde jedoch den "Spannungsbogen" zwischen dem Alexa-Standort in der Grunerstraße und dem Einzelhandel auf dem nahegelegenen Alexanderplatz beobachten. "Generell halten wir aber jedem Investor unserer Branche den Daumen hoch, damit sein Projekt ein Erfolg wird", sagte der Hauptgeschäftsführer.



Am Berliner Alexanderplatz entsteht noch ein drittes Hotel

Aus: Yahoo-News, 8. August 2007, ??.?? Uhr MESZ (xxx). [Original]

BERLIN. Am Berliner Alexanderplatz soll die letzte unveränderte Ecke aus DDR-Zeiten nun verschwinden. An der Karl-Liebknecht-Straße gegenüber der Markthalle soll ein Hotel entstehen. Die Hilpert AG aus Würzburg habe vor wenigen Wochen das Grundstück vom Liegenschaftsfonds gekauft, sagte der Vorstand Wilhelm Hilpert am Mittwoch.

Er bestätigte damit einen Bericht der "Berliner Zeitung". Der Baubeginn sei für das kommende Frühjahr geplant. 18 Monate später solle das "Hotel am Alex" dann eröffnet werden. Am Alexanderplatz steht bereits das Hotel Park Inn. Gegenüber vom neuen Einkaufszentrum "Alexa" soll zudem ein 1000-Zimmer-Hotel entstehen.



Einkaufszentrum Alexa – Die rosarote Banane

Noch ist das Einkaufszentrum Alexa eine riesige Baustelle, doch zur Eröffnung in zwei Wochen soll alles fertig sein / [Ed: das Alexa eröffnete am 12. September 2007 um 0.00 Uhr mit einem Einkäufer-Chaos beim Media-Markt].

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 29. August 2007, Seite ?? (Berlin). [Original]

   
  A l e x a - C e n t e r
In Wikipedia, der
freien Enzyklopädie.
 
BERLIN (Tsp). Das Alexa, dieser riesenhafte rosarote Betonklotz an der Grunerstraße in Mitte, ist eine große Baustelle. Über tausend Arbeiter geben Takt und Ton an: Hämmern, Kreischen, Sägen. Draußen polieren sie die Scheiben, Walzen rollen über frischen Asphalt, Lastwagen liefern Fußbodenbeläge an, Warenladungen kommen und verschwinden im Baukörper, der wegen der Grundstücksform auch Banane genannt wurde. "Wir schaffen das!", sagt ein Bauarbeiter überzeugt – ungläubig starren wir auf die leeren Boxen mit den baumelnden Stromkabeln: Und das alles soll in 14 Tagen fertig sein?

Am 12. September um 8 Uhr öffnen sich die großen Türen, dann stürmen die neugierigen Berliner in das neue Warenhaus, das sich wie eine eigene Kaufstadt darstellt. Die komplette Fläche misst 56.000 Quadratmeter (die Potsdamer-Platz-Arkaden haben, zum Vergleich, 40.000), es gibt Tiefgaragen für 1600 Autos und 3 Etagen mit je 2 Rundumgängen, an denen die Geschäfte liegen. Von den 180 Läden und 17 Restaurants sind 95 Prozent vermietet, das Einräumen hat bei den meisten noch nicht begonnen, Firmenschilder sagen, wer hier einziehen wird: Mediamarkt, Edeka-Reichelt, Rossmann, Douglas, Intersport, H & M, Esprit als "Großmieter". Und so weiter [Ed: hm, aufregend klingt das ja nicht, denn das sind doch dieselben Läden wie überall in der Stadt].

    Das Alexa-Einkaufszentrum am Alexanderplatz
^   Eingang zum neuen Einkaufszentrum Alexa.   (Foto: 2007 – mopo)
Ein Mieter ist die Buchhandlung Thalia, die auf jedem der 3 Geschosse vertreten ist – 1800 Quadratmeter Gedrucktes, "ungefähr 100.000 Bücher", sagt Filialleiterin Evelyn Pichler, die die ganze Nacht zwischen Umzugskisten verbracht hat und nun mit 40 Thalianern die Regale füllt: "Wir haben eine große Fremdsprachenabteilung, viel Regionales, bekannte und beliebte Kinderbücher aus der DDR, Hörbücher, DVDs." Bemerkenswert sind der kleine Extra-Fahrstuhl, der die drei Buchetagen miteinander verbindet, eine Lounge, große Fotos vom Berlin der zwanziger Jahre an den Wänden und immer wieder "der Mann, der hierhin gehört: Alfred Döblin". Thalia gibt es 16 Mal in und um Berlin, "doch dies wird unser Flaggschiff sein". Art-déco-Motive schimmern schon hier und da hervor, Gemälde, bunte Fußbodenbeläge, und immer wieder ein kugelrundes Gesicht, das den Namen des Ganzen symbolisiert – an so etwas wie eine Miss Alexa, die vielleicht am 12. September das Band durchschneidet, ist allerdings nicht gedacht.

290 Millionen Euro haben Sonae Sierra (Portugal) und Foncière Euris (Frankreich) in den Konsumtempel investiert, das "Einkaufen, sich Erholen und Unterhalten", wie es sich die Investoren von täglich 30.000 Kunden erhoffen, bringt der Stadt 1000 neue Arbeitsplätze. Gegenüber, bei Galeria Kaufhof, sehen sie der Konkurrenz gelassen entgegen, eine Belebung des Alex' komme allen Anrainern zugute.

Geöffnet ist bei Alexa von 10 bis 22 Uhr, Lebensmittel kann man ab 8 Uhr kaufen und Essen gibt es bis 23 Uhr, auch sonntags ist die Spachtelmeile "Food court" offen. Könnte gut sein, dass die jüngsten Konsumenten die 13 Fahrstühle und 28 Rolltreppen im Sturm erobern. In einer "Kindercity" können alle zwischen zwei und zwölf Jahren spielend lernen. Auf 6000 Quadratmetern gibt es tausend verblüffende Ideen, ein Schweizer Erfolgskonzept kommt damit samt eigenem Kino nach Berlin. Auch "Loxx" wird Spaß machen, wenn 200 Modellbahn-Züge auf 4 Kilometern Gleis durch ein Mini-Berlin gleiten. Der Alex belebt sich.



A L E X A N D E R P L A T Z

Ein Platz – immer im Werden, nie vollendet

Am Alex wollte die SED sich als ''sozialistische Metropole'' präsentieren. Roland Korn und Günter Kunert gaben dem Platz das neue Gesicht. 1989 wurde hier das Ende der DDR eingeläutet.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 6. Oktober 2007, Seite 14 + 15 (Berlin).

BERLIN (Tsp). Der Reise nach Bagdad schien nichts mehr im Wege zu stehen. Die Familie hatte sich gegen tropische Krankheiten impfen lassen, auch eine Wohnung hatte Roland Korn in der irakischen Hauptstadt schon gefunden, damals, im Winter 1964. Der junge Mann freute sich auf die Aufgabe, im Irak ein Wohnungsbauprogramm nach ostdeutschem Vorbild aufzulegen. "Stellen Sie sich vor: Ich sollte Chefarchitekt von Bagdad werden!", sagt Roland Korn und lacht. Der 77-Jährige mit dem vollen grauen Schopf lehnt sich kopfschüttelnd in seinen Gartenstuhl zurück, als könne er selbst nicht glauben, welche Wendungen sein Leben genommen hat.

    City-Plan 1989
^   City-Plan 1989.  
An ihrem Anfang steht ein aufstrebender und vom Sozialismus überzeugter Architekt. Früh gewinnt er wichtige Wettbewerbe. Die SED-Führung hält viel von ihm. Trotz seines jungen Alters vertraut sie ihm die Prestigeprojekte der "Hauptstadt der DDR" an. Am Ende steht die ambivalente, zwischen Zufriedenheit und Verbitterung pendelnde Bilanz eines Mannes, der die Ost-Berliner Architektur wie wenige andere prägte.

Aus den Bagdad-Träumen wurde dann doch nichts. Während Roland Korn die letzten Vorbereitungen für die große Reise erledigte, traf der Ost-Berliner Magistrat eine folgenschwere Entscheidung. Er kürte einen Entwurf von Korn und sechs Kollegen vom volkseigenen Entwurfsbüro VEB Berlin Projekt zum Sieger eines Wettbewerbes. Der immer noch von Kriegsruinen gesäumte Alexanderplatz im Herzen der östlichen Halbstadt sollte zu neuem Leben erweckt werden – als erster Platz im Staate, der weit über Berlin hinaus zeigen sollte, dass es mit der DDR bergauf ging.

"Hier ist unser Entwurf", sagt Roland Korn und kramt aus einem Stapel vergilbter Unterlagen eine alte Ausgabe der Zeitschrift Deutsche Architektur hervor. Auf einem Modellbild erkennt man den Alexanderplatz in seiner heutigen Form, samt Kaufhaus, Hotel und einer Handvoll größerer Bauten am Rande, wenn auch noch in anderer Anordnung. Die einzigen historischen Bauten auf den Bildern sind die parallel zu den Eisenbahngleisen stehenden Bauten von Peter Behrens, das Alexanderhaus und das Berolinahaus, die den Krieg halbwegs unbeschadet überstanden hatten und von der DDR unter Denkmalschutz gestellt wurden.

      Am Alexanderplatz um 1960
^   Am Alexanderplatz um 1960. Links das Alexander-Haus und rechts das Berolina-Haus. Im Hintergrund (Bildmitte) der markante Turm des Berliner Rathauses.   (Repro: 2008 – khd)
Mit einem anderen Bau, den heute viele Menschen mit dem Alexanderplatz verbinden, hatte Korn nichts zu tun: der Fernsehturm. Der wurde zeitgleich zur Neugestaltung des Alexanderplatzes gebaut und am 3. Oktober 1969 in Betrieb genommen. Die Planungen Korns und seiner Kollegen für den Alex beeinflusste er jedoch nicht, sagt der Architekt. "Unsere besondere Idee war die Dominante des 128 Meter hohen Hotels", erklärt Korn. Mit dem Bau der Superlative – das Hotel sollte mit seinen 37 Stockwerken das höchste bewohnbare Gebäude der DDR werden – wollten die Architekten das bis dahin größte städtebauliche Projekt Ost-Berlins angemessen fortsetzen: die Stalinallee. Der politischen Führung, die die Grundlinien für den neuen Alexanderplatz vorgegeben hatte, gefiel der Entwurf des Kollektivs so gut, dass der damalige Berliner SED-Chef Paul Verner beschloss: "Der Korn bleibt hier." Die Reaktion des Architekten: "Ich war enttäuscht, aber wenn der SED-Chef das sagt, ist es unumstößlich."

Von da an steckte Roland Korn all seine Kraft in den Alexanderplatz. "Das war eine rasante Planung, zum 20. Jahrestag der DDR im Oktober 1969 sollte alles fertig sein." Korn wurde die Gesamtleitung des Projektes übertragen. Hinzu kam die Verantwortung für das Hotel "Stadt Berlin" – das heutige "Park Inn" – und das von ihm mit entworfene 17-geschossige Haus des Reisens an der Nordostecke des Platzes. Für den damals gerade 36-Jährigen eine "Lebensaufgabe". Die gab ihm nicht nur einmalige Gestaltungsmöglichkeiten, sondern erforderte auch politisches Fingerspitzengefühl. Die Stadtverordneten Ost-Berlins hatten den Wiederaufbau zum "politischen Schwerpunkt Nummer eins" erklärt, Tausende Arbeiter aus allen Teilen des Landes wurden in den folgenden Jahren zusammengezogen. Der Neubau des östlichen Stadtzentrums als "sozialistische Metropole" sollte zum "Symbol der Kraft der Arbeiter- und BauernMacht" werden, wie die SED-Zeitung "Neues Deutschland" schrieb.

"Die starke Hand von Partei und Regierung war sehr hinterher, dass alles funktionierte", erinnert sich der einstige Chefarchitekt heute. Dabei schmunzelt er, denn die ständigen Kontrollen und Vorgaben der Parteiführung erlebte der überzeugte Sozialist weniger als Ärgernis, eher als Ansporn. "Es gab keine Grenzen bis auf die eine: Was die Partei will, ist richtig, das musst du umsetzen." In diesem Spannungsfeld kannte der als Student in die SED eingetretene Architekt sich aus. Wie man politische Anforderungen und Architektur in Einklang bringt, hatte Korn bereits bei seinem vorigen Projekt gezeigt, dem Staatsratsgebäude am Schlossplatz, das bis 1964 nach seinen Entwürfen gebaut worden war.

Die staatliche Einflussnahme beim Projekt Alexanderplatz überstieg jedoch alles Bekannte. Einmal pro Woche mussten die leitenden Planer, Ingenieure und Architekten der Staats- und Parteiführung und vor allem dem Ersten Sekretär der SED-Bezirksleitung, Paul Verner, präsentieren, was auf der Vorzeigebaustelle geplant war. Immer sonnabends früh um neun. "Das ging bis hin zu den Türdrückern und dem Mobiliar, die abgenickt wurden", erzählt Korn. Wurde mal nicht genickt, mussten sie nachbessern. Beim Hotel zum Beispiel. "Seelenlos" lautete nach einer Präsentation die Kritik von oben, erinnert sich Korn. Nach einigen schlaflosen Nächten hatte der Chefarchitekt dann die rettende Idee: Die von der politischen Führung gerügte Fassade sollte farblich abgestufte Scheiben bekommen – wie ein Spiegel der Himmelsfarben. Die SED-Oberen waren begeistert. Die Umsetzung überforderte jedoch die DDR-Staatswirtschaft. Korn besuchte das einzige geeignete Gussglaswerk in Bitterfeld, um zu erfahren: Technisch machbar, aber wir haben keine Farben. Als Berlins SED-Chef dies erfuhr, wollte er erst nicht glauben, dass die DDR-Industrie diese Farben nicht herstellen könne, erzählt Korn. Drei Tage später kam die Nachricht: Die Bitterfelder dürfen Pigmente aus dem Westen kaufen.

Einer, der bei den wöchentlichen Sitzungen mit der Berliner SED-Führung ebenfalls stets dabei war, ist Günter Kunert. Der Architekt hat zusammen mit Josef Kaiser das Centrum Warenhaus entworfen und war für dessen Bau zwischen 1967 und 1970 verantwortlich. SED-Bezirkschef Verner "fühlte sich als verhinderter Architekt und wollte bis ins letzte Detail mitreden", erzählt Kunert milde lächelnd. Der schlanke 79-Jährige sitzt im Restaurant im sechsten Stock des renovierten und umgebauten Kaufhauses, das heute "Galeria Kaufhof" heißt. Hier kommt er öfter her. Er lässt den Blick über den Alexanderplatz schweifen und erinnert sich belustigt an eine Sitzung mit der Parteispitze. "Schwarz ist keine Farbe für uns, das ist die Farbe Adenauers", habe der SED-Bezirkschef verfügt. Also mussten Kunert und seine Leute umplanen, wie so oft. Eines der sichtbaren Ergebnisse der Einflussnahme war, dass die Außenwand des Kaufhauses mit der markanten Wabenfassade nicht grüntürkis werden durfte, wie Kunert sich das gedacht hatte. Da die Hotelfassade bereits blau werden sollte, legte Verner sein Veto ein. "Also mussten wir mit Rot vorliebnehmen."

Hatte ein Architekt allerdings mal den SED-Sekretär auf seiner Seite, dann eröffnete das ungeahnte Möglichkeiten. So wollte Kunert für den Fußboden des Kaufhauses, über den später im Durchschnitt 60.000 bis 80.000 Kunden täglich laufen sollten, einen strapazierfähigen Belag haben. Einer, der ihm besonders geeignet schien, war in Frankreich entwickelt worden. Nach langem Hin und Her gab Verner seine Zustimmung. Der Teppich für das mit 15.000 Quadratmetern größte Kaufhaus der DDR wurde mit kostbaren Devisen eingekauft. Ähnlich pragmatische Lösungen mit Hilfe des kapitalistischen Auslands fand man auch für die Fahrstühle des Hotels oder den Fensterputzlift, der aus Skandinavien importiert wurde. Und die Türgriffe im Haus der Elektroindustrie – dem heutigen Sitz der Bundesministerien für Umwelt und Familie am Nordende des Platzes – kamen aus Düsseldorf. Trotzdem erreichten die Bauherren vom Alex das ehrgeizige Ziel nicht: Ende 1969 sind viele Arbeiten noch in vollem Gange, erst 1973 können sie das Großprojekt offiziell beenden.

Für Chefarchitekt Korn repräsentierte der Alexanderplatz die Ziele der DDR, denen er sich schon als junger Mann verschrieben hatte. Geboren 1930, erlebte er die letzten Kriegstage als Mitglied eines Panzervernichtungstrupps der Hitlerjugend. Danach schwor er sich, nie wieder eine Waffe in die Hand zu nehmen. In der SED sah er nicht die Handlanger der Sowjetunion, die eine Diktatur etablierten, sondern die Partei, die nicht nur gegen Krieg und Nationalsozialismus, sondern auch für volle Chancengleichheit war – und die ihm als Sohn eines Thüringer Klempners den Aufstieg vom Maurer und Bauzeichner zum bedeutenden Architekten ermöglichte. Den Neuanfang und das Selbstverständnis der DDR als besserer deutscher Staat wollte Korn mit seinen Plänen für die neue Stadtmitte auch architektonisch ausdrücken. In einem Text für das Neue Deutschland fasste er das so zusammen: "Alle Vorzüge des Sozialismus widerspiegeln sich in der großzügigen architektonischen Gestaltung dieses Platzensembles."

Was die SED in ihrer Losung "Der Mensch im Mittelpunkt" ausdrückte, wollten Korn und seine Kollegen mit Stahl, Beton und Glas umsetzen. "Die Architektur sollte sich nach den Menschen richten, nicht umgekehrt", sagt er. Der Alexanderplatz sollte ein Ort werden, auf dem die Menschen flanierten oder für Massenveranstaltungen zusammenkamen, wie im Sommer 1973 für die 10. Weltfestspiele der Jugend. "Wir wollten einen lebendigen, abwechslungsreichen, farbenkräftigen Platz", sagt Korn und nennt als Beispiele die bis heute als Treffpunkt beliebte Weltzeituhr nach Plänen des Gestalters Erich John und den vom Künstler Walter Womacka entworfenen bunten Brunnen der Völkerfreundschaft – von der SED-Führung sowie den Architekten und Künstlern gemeinsam konzipierte Gestaltungselemente, die dem großen Platz eine Struktur geben und ihn attraktiv machen sollten. Die größte Freude machte Korn, zu sehen, wie der Alex nach und nach zur Bühne für das öffentliche Leben wurde. "Ich erinnere mich genau an den ersten Weihnachtsmarkt auf dem Alex im Winter 1969/70", sagt Korn. "Da stand das Riesenrad vorm Hotel und leuchtete weit in die Stalinallee rein – das war bewegend."

Auch nicht der SED angehörige Architekten wie Günter Kunert nahmen die Maxime "Der Mensch im Mittelpunkt" ernst: "Ich baute ja nicht für die Parteioberen, auch wenn die uns regelmäßig reglementierten", sagt Kunert. "Ich baute für die Berliner." Der Kaufhaus-Architekt war nie in der Partei und stand ihr nach eigenem Bekunden immer distanziert gegenüber. Die für Kunert wichtigste Erinnerung an den Platz vor seinem Kaufhaus ist deswegen eng mit dem Ende der SED-Herrschaft verbunden. "Die Demonstration am 4. November 1989 war für mich die herausragende Veranstaltung hier", sagt Kunert. "Dieses Gefühl, dass sich bald etwas ändern wird, dass endlich Ehrlichkeit einkehrt, das gab mir große Hoffnung."

Auch wenn nicht alle Hoffnungen erfüllt wurden, wie er sagt, wirkt Günter Kunert ganz zufrieden damit, wie sich nach der Wende der Alexanderplatz entwickelt hat. Eines kann er jedoch nicht akzeptieren: dass im Zuge der Sanierung des Kaufhauses die prägnante Wabenfassade verschwunden ist. "Diese Fassade gehört zur Baugeschichte Berlins und war ein herausragendes Merkmal des Alexanderplatzes – sie zu beseitigen ist ein Akt von Geschichtsvergessenheit", schimpft der Architekt. Die neue Natursteinfassade ist für ihn schlicht eine "Allerweltsfassade". Das neue Innenleben des Hauses gefällt Kunert hingegen sehr. "Schauen Sie, das ist doch großartig", schwärmt er, als er an der Rolltreppe im Obergeschoss des Kaufhauses steht und dem Besucher die neue, von Josef Paul Kleihues entworfene Glaskuppel zeigt, durch die das Sonnenlicht fällt. Auch wenn das radikal umgebaute Kaufhaus mit Kunerts und Kaisers Bau äußerlich kaum noch Gemeinsamkeiten hat, erkennt der Architekt an der Struktur überall seine Handschrift. "Wir hatten das Haus so gebaut, dass es jederzeit flexibel an neue Bedürfnisse angepasst werden kann", sagt Kunert stolz. "Es war damals ein Ausnahmekaufhaus, und heute ist es das auch noch."

Roland Korn hingegen wirkt nicht sehr glücklich über den Gang der Dinge. Den Mauerfall und die Wende 1989/90 bewertet er als "die schlimmste Zeit meines Berufslebens". Nach seinen Arbeiten auf dem Alexanderplatz, für die ihn die DDR mit ihrer höchsten Auszeichnung ehrte, dem Nationalpreis, hatte Korn noch etliche andere für die DDR-Architektur wichtige Projekte betreut, darunter ab 1973 die Neubaugebiete Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen. Seit diesem Jahr war er auch Chefarchitekt für ganz Ost-Berlin. Damit war nach der Wende Schluss. Dennoch gelang ihm der Übergang in die Marktwirtschaft besser als manchem Kollegen. Nachdem ihm die nun auch für Ost-Berlin zuständige Senatsverwaltung einen Job als Archivar angeboten habe, nahm er sich den Kommentar eines Bekannten zu Herzen: "Reg dich nicht auf, die Schlacht ist verloren, mach was Neues." Er kehrte dem Staatsdienst den Rücken. Fast zehn Jahre lang entwarf Roland Korn dann als selbstständiger Architekt Hotels, Bürogebäude oder Einfamilienhäuser. Seit Ende der 90er Jahre ist der einstige erste Mann der Ost-Berliner Architektur Rentner.

Zum Alexanderplatz hat Korn bis heute eine besondere Beziehung. Bei seinen sporadischen Berlin-Besuchen geht er über den Platz, macht Fotos von den Gebäuden, um sie daheim zu malen und mit den Zeichnungen und Gemälden von früher zu vergleichen. Die Bilder von Ost-Berliner Bauwerken füllen im Wohnzimmer seines Brandenburger Häuschens die Wände. Etliche der von Korn gemalten Berliner Gebäude sind längst verschwunden. Viele davon galten als herausragende Werke der sozialistischen Moderne und wurden nicht nur von Architekturliebhabern mit Ost-Biographie geschätzt, wie das "Ahornblatt" an der Leipziger Straße, das ehemalige Außenministerium am Spreekanal gegenüber dem Palast der Republik oder das Hotel Unter den Linden. "Eine Schande", sagt der Architekt.

Auch am Alexanderplatz gefallen ihm die meisten Neuerungen nicht, wenngleich Korn erleichtert ist, dass nach der Wende kursierende Abrisspläne für seine Bauten am Alex vorerst nicht umgesetzt wurden. Trotzdem: Sein Hotel, das eine neue Spiegelglasfassade bekommen hat, ist für ihn ein "Allerweltsglaskasten" geworden. Den Flachbau unterhalb des Hauses, in den ein Elektromarkt einzog und dessen Front neu verglast wurde, findet Korn "scheußlich". Und dennoch zieht es ihn immer wieder zu dem Platz hin. Wie er sich heute bei seinen Besuchen an dem für ihn so zentralen Ort fühlt? "Gemischt", sagt er und schaut wehmütig auf die Bilder an der Wohnzimmerwand. "Ich vermisse viele Dinge, aber mir ist völlig klar, dass man nicht ignorieren kann, dass die Weltgeschichte voranschreitet."



H O C H H Ä U S E R   I N   D E R   C I T Y

Berlin kratzt am Himmel

Hoch, höher, am höchsten – Berlin!

Aus:
Bild, 11. April 2008, Seite xx (Berlin). [Original]

BERLIN (bild.de). In den 90ern träumte die Hauptstadt davon, in den Himmel zu wachsen. Jetzt werden diese Träume wahr! Immer mehr Architekten kratzen am Berliner Himmel – am Bahnhof Zoo z. B. entsteht ab Mai das Zoofenster, an der Friedrichstraße das Spreedreieck.

"Berlin wird zwar nicht zu New York oder Hongkong – aber wir werden einige markante Bauten bekommen", sagt Manuela Damianakis (42) vom Stadtentwicklungs-Senat. "Büro- und Hotelmarkt haben sich erholt. Jetzt ist die Nachfrage da." Viele der Genehmigungen für Hochhaus-Bauten stammen noch aus den 90er-Jahren. Hans Stimmann (67) war von 1991 bis 1996 und von 1999 bis 2006 Senatsbaudirektor. Er sagt: "Damals gab es eine Hochhausdebatte in Berlin, es wurde geträumt. Mindestens 20 Hochhäuser wurden genehmigt, gebaut wurden nur drei – eins in Treptow, zwei am Potsdamer Platz."

Die genehmigten, aber noch nicht gebauten Hochhäuser sind rechtlich abgesichert. Stimmann: "Falls der Senat die Bebauungspläne zurücknehmen würde, könnte er entschädigungspflichtig werden. Das Grundstück wäre ja dann nicht mehr so viel wert." So liegt der Bodenrichtwert am Alexanderplatz bei 3600 Euro/qm, am Leipziger Platz sogar bei 6800 Euro – in Zehlendorf-Süd nur bei 300 Euro (Stand 2007).

Der Senat will aber nicht mit der ganzen Stadt hoch hinaus. Damianakis: "In der Innenstadt kann es Sinn machen, durch herausragende Bauten Bezugspunkte zu setzen. Es kommt darauf an, wie ein Hochhaus auf die Stadt wirkt." Klar, in Zehlendorf vielleicht etwas zuuuu protzig...



Wolkenkratzer am Alex

Am Alexanderplatz in Berlin-Mitte wird einem Zeitungsbericht zufolge im kommenden Jahr der erste Wolkenkratzer gebaut. Auf einer Grundfläche von 1800 Quadratmetern soll ein 150 Meter hoher Turm mit 43 Stockwerken entstehen.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 17. April 2008, 18.27 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert).

BERLIN-MITTE. Auf einer Grundfläche von 1800 Quadratmetern soll unmittelbar neben dem Einkaufs- und Freizeitzentrum "Alexa" ein 150 Meter hoher Turm mit 43 Stockwerken entstehen, wie die Berliner Morgenpost berichtet. Dem Blatt zufolge stehen die Verhandlungen des Alex-Investors, Sonae Sierra Germany GmbH, mit zwei ausländischen Investoren kurz vor dem Abschluss. Nach Informationen des "Alexa"-Center-Managers Oliver Hanna soll bis Mitte 2009 der erste Spatenstich an der Ecke Gruner- und Alexanderstraße erfolgen.

Der Bau des Wolkenkratzers ist der erste Schritt zur Umgestaltung des Alexanderplatzes. Der ehemalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann hatte in den 90er Jahren in einem entsprechenden Masterplan [Ed: auf der Basis der Pläne des Architekten Kollhoff] eine Hochhaus- Bebauung für das Areal entwickelt. Unabhängig vom Wolkenkratzer saniert der "Alexa"-Investor 18 S-Bahnbögen an der Dircksenstraße gegenüber dem Einkaufszentrum. Bis zum Juni sollen hier Restaurants, Bistros und Dienstleistungsläden einziehen.



„Wie in einer Betonschlucht“

Klaus Wowereit hat sich auf Stadtrundfahrt begeben. Gemeinsam mit der Senatsbaudirektorin Regula Lüscher besichtigte er diverse Bauprojekte in der Hauptstadt. Besonders am Alexanderplatz ärgerte er sich über neue Hässlichkeiten.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 15. August 2008, Seite 8 (Berlin) von CHRISTIAN VAN LESSEN. [Original=art270,2593421]

BERLIN (Tsp). Im 14. Stock des "Haus des Reisens" am Alexanderplatz geriet Klaus Wowereit gestern Mittag fast in Rage. Als Senatsbaudirektorin Regula Lüscher die "urbanen Räume" und das neue Pflaster des Platzes rühmte, grummelte er: "Mit Millionen von Kaugummis". Plattgetreten hinterlassen sie dunkle Flecken, die kaum zu beseitigen sind. Wenig später schimpfte er auf die Farbe des Einkaufszentrums Alexa und auf den gegenüberliegenden fast fensterlosen "Klotz" des neuen Geschäftshauses "die neue Mitte." Wie in einer Betonschlucht fühle er sich.

Alle Schönheitskuren für den Alex nutzen nichts, wenn durch solche Hässlichkeiten alles zerstört werde. Das Land, meinte er selbstkritisch, müsse mehr Einfluss auf Investoren geltend machen. Abteilungsleiter Manfred Kühne aus der Senatsverwaltung für Stadtenwicklung versuchte, den Regierenden Bürgermeister zu besänftigen. Am Rohbau sollten noch "Scheinfenster" angebracht werden. Und direkt an eine Brandwand des Neubaus werde später sowieso ein Hochhaus gebaut, bis dahin gebe es vielleicht eine Fassadensimulation. Und überhaupt rechne die Behörde immer noch mit weiteren Hochhäusern, bis spätestens 2018.

    Das Alexa-Einkaufszentrum am Alexanderplatz
^   Das fast fensterlose Einkaufszentrum Alexa.   (Foto: 2008 – welt.de)
Die Aussicht von oben auf den Alexanderplatz gehörte zur "städtebaulichen Rundfahrt", die sich Wowereit in der Sommerpause verordnet hatte, in Begleitung von Senatorin Ingeborg Junge- Reyer, ihrer Führungsriege und einer Schar von Reportern. "Berlin ist reich", hatte die Senatorin zu Beginn der Busfahrt am Hauptbahnhof versichert, damit die Entwicklungsräume und Flächenpotenziale gemeint. Und schon ging es an die verödete Moabiter Heidestraße, an der ein neuer Stadtteil entstehen soll, gern hätten die Passagiere den Bus verlassen, das ramponierte Areal um einen Getränke-Abholmarkt näher erkundet, aber es war versperrt, Abteilungsleiter Kühne musste mit einem Luftbild trösten. Die Gegend um den nahen Nordhafen sei übrigens "hoch-unattraktiv", meinte er. Es gebe Hoffnung, dass auch Schering als großer Nachbar von dieser Ecke her "wichtige Impulse" setzen könne.

Am Humboldthafen blühte der Regierende Bürgermeister auf, als es um die geplante Randbebauung ging, mit Arkaden wie in Hamburg. Gerade auf der Nordseite Richtung Invalidenstraße solle sich ein Ort für zeitgenössische Kunst etablieren, mit Läden und Gastronomie. Wowereit brachte auch die geplante Berliner Kunsthalle ins Gespräch.

Das Bewerbungsverfahren für die Grundstücke werde vorbereitet, das Interesse von Kunstsammlern sei sehr groß. Die Busfahrt ging kommentarlos an den skurrilen Resten des Palastes der Republik vorbei, Senatsbaudirektorin Lüscher sprach konzentriert von Orten strategischer Stadtentwickwicklung, von Unordnung und Ordnung, von Unorten, die zu Orten und zu Adressen mit Flair werden sollten. Als später am Alex der Zorn Wowereits verraucht war, erklärten die Baufachleute etliche neue Hotelprojekte in der Umgebung.

Dann ging es schon zu East-Side-Gallery und O2-Arena ans Ufer der Spree, wo gerade ein Park entsteht. Am Wasser gab der Regierende Bürgermeister etwas gequält Statements zum Bürgerentscheid gegen die geplante Uferbebauung der "Mediapree" ab, der von ihr geforderte 50-Meter-Uferstreifen sei unsinnig, Senat und Bezirk hätten gemeinsam geplant mit größtmöglicher Zugänglichkeit zur Spree, der Bezirk dürfe sich nicht aus der Affäre ziehen. Senatorin Junge-Reyer meinte, sie schaue genau hin, was der Bezirk jetzt mache, es gebe immerhin noch ihre Rechtsaufsicht.

Dann holten alle tief Luft und freuten sich an der schönen Wasserlage. [mehr]



D I E   A L E X A N D E R P L A T Z - K R I T I K

D i e   w ü s t e   M i s c h u n g

Bürgermeister, schau auf deine Stadt! Wenn Berlin schöner werden soll, dann reicht ein Wutausbruch am Alexanderplatz nicht aus.

Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 24. August 2008, Seite 9 (Berlin) von PETER VON BECKER. [Original mit vielen Leser-Komentaren]

BERLIN (Tsp). Berlin hat viele Herzen. Hat nicht nur eine Mitte. Aber viel mehr als nur ein Platz unter anderen war einst der Alexanderplatz. Nun hat ihn Klaus Wowereit unlängst besichtigt. Mit einem Wutanfall. Und plötzlich hat die Metropole eine frisch entzündete, umtreibende Stadtplanungs- und Architekturdebatte.

Klaus Wowereit amtiert seit fast 7 Jahren im Roten Rathaus, 5 Minuten zu Fuß vom Alexanderplatz. Also war's schon ein Hammer: der Regierende Bürgermeister zu Besuch in der eigenen Stadt – und er wundert sich über seine Umgebung. Fragt sich auf einmal: Ist dies das neue Berlin?

Hier geht's nicht mehr um die zigtausend schwarzen Flecken, das Schmutzgesprenkel der zertretenen Kaugummis auf dem neuen Granitboden des Alexanderplatzes. Auch sie haben den Regierenden sehr ergrimmt, als nicht wegzukärchernde Schandflecken. Doch bevor wir selber am Boden kleben, heben wir einfach den Blick. Ortstermin Alexanderplatz.

Der Fernsehturm ist nicht zu übersehen. Aber wo war gleich das Rathaus? Von der Ecke Grunerstraße/Alexanderplatz müsste man seinen roten Turm eigentlich sehen. Doch in Nachbarschaft zum Bahnhof Alexanderplatz mit seiner Glashalle springt der schwarze Granitwürfel des Cubix-Multiplex-Kinos wie eine postmoderne Kaaba ins Auge. Auf der Sichtachse zum Rathaus und der einstigen historischen Mitte fallen sodann zwei siebengeschossige Parkhäuser auf: das erste dominierend mit einer wie von buntem Schimmel befallenen Schießscharten-Fassade. Es ist ein Gemisch aus lamellenartig vorgeblendeten Scheiben, querlaufenden grauen und gelben Rohren und einem türkisen, den ganzen Bau monströs einfassenden Metallrahmen.

So etwas lässt sich der Senat gleich neben sein Rathaus bauen. An die Rückfront, die aber an der zu DDR-Zeiten ins Stadtbild gesprengten vielspurigen Grunerstraße zur zweiten Schauseite wird. Vom Alexanderplatz aus betrachtet, sieht man vom Rathausturm indes nur noch einen Zipfel der Fahne auf seiner Spitze. Denn hinter der Parkhauszone verstellt jeden weiteren Blick der riesige Plattenbauriegel, der gleichfalls zum Komplex der "Rathauspassagen" gehört: ein von der Senatsbauverwaltung noch mit zum Areal "Alexanderplatz" gezähltes Stück DDR-Architektur. Heute ein Fall von urbanistischer Selbstbestrafung.

      Alexanderplatz im August 2008
^   Blick von Norden auf den Alexanderplatz im August 2008, der noch immer wenig urban ist.   (Foto: 8.2008 – Tsp)
Auf dem eigentlichen Alexanderplatz ist der erste Blickfang das 128 Meter hohe, mit neuem Spiegelglas verblendete "Park Inn"-Hotel. Statt das Hochhaus nun aber wirkungsvoll freizustellen, hat ein dreigeschossiger, von schwarzem Schmutzglas durchbrochener Betongürtel um den Bau auch die Wende überlebt. Daran angeklebt ist das windige Restgrün eines "Zille"-Gartens. Auf der Frontseite des Hotels zur Alexanderstraße endet der Anbau in einem Parkhaus, das einem versteinerten Container gleicht. Auf der Seite zum Alex aber verheißt eine Aufschrift neben dem grünen Zille-Witz: "Nur noch 10 Meter zum Glück". Gemeint ist das "Casino am Alex", das den Sockel ums "Park Inn" neben Burger-Stationen, Asia-Shop und einem Elektromarkt füllt. Als sei's der Krieg und wechselseitige Sieg der Systeme: So bilden hier Fastfoodkapitalismus und Fastnochsozialismus eine absonderliche Gemengelage. Das hat seinen kruden Reiz. Für Zyniker oder Masochisten. Nur heimisch werden kann man hier nicht.

Gegenüber ist die Baustelle des Geschäftshauses mit dem Slogan "Die neue Mitte" [Ed: der Hines-Bau]. Dessen bunkergleiche Rückseite hatte einen weiteren Wowi- Wutausbruch ausgelöst. Doch man betrachte den Bau nur von vorne. Nicht rund, nicht eckig. Ein verglaster Kloß, ohne Bezug zur Umgebung. Auch er gibt dem Platz keine Fassung. Nicht Halt, Kontur und jenen Hauch Harmonie, den auf der entfernten Gegenseite das elegant geschwungene, als Sitz der Berliner Sparkasse mit einem gläsernen Foyer behutsam aufpolierte "Alexanderhaus" vermittelt. Eben hier hätte für den von Döblin einst zum Ort der Weltliteratur erhobenen Alexanderplatz ein Stück Urbanität seinen Neuanfang nehmen können.

Als 1929 Alfred Döblins Roman erschien, hat der Architekt Peter Behrens bei der damaligen Umgestaltung des Platzes die Bürobauten des Berolina- und des Alexanderhauses entworfen. Obwohl beschädigt, haben beide Häuser den Krieg und den späteren Kahlschlag überlebt und geben durch ihre klug gegliederten Fenster und ihre cremefarbenen Kalksteinfassaden noch heute den Eindruck früher, großstädtischer Moderne.

Um dem nach 1945 so wüst freigefegten Platz eine neue Kontur zu geben, liefern die Behrens-Bauten einen Ausgangspunkt. Aber statt hierzu irgendeine Korrespondenz zu suchen, steht gegenüber das riesige rote Etwas des 2007 eröffneten "Alexa"-Einkaufszentrums. Das Rot ist nicht etwa ein bewusster oder gar "toskanischer" Naturstein-Kontrast zum Tavertin des Alexanderhauses. Es ist angemalter Beton. Wowereit, der auf der "Alexa"-Website noch mit lobenden Grußworten zitiert wird, hat bei seiner jüngsten Alex-Visite die teilweise fensterlose, bunkerartige Einkaufsfestung nun gar nicht mehr gefallen.

Innen bietet das "Alexa" freilich eine belebte, lichte Shopping-Mall, offenkundig angenommen vom Publikum, das sonst auch die Potsdamer Platz Arkaden oder den Tauentzien frequentiert. Das Problem ist der äußere Stilmischmasch. Vom Betonbunker bis zum aufgesetzten Glashaus, von quietschbunten Malereien bis zu katzengoldenen Metallornamenten hat der portugiesische Architekt Quintela da Fonseca nichts ausgelassen.

Man hatte tatsächlich den Anspruch, hier an den Glanz der europäisch-amerikanischen Kaufhausarchitekturen des Art Déco und Jugendstils der 20er Jahre anzuknüpfen. Doch stattdessen wird am Eingang des "Alexa" auch noch der Vorplatz verramscht. Mit den üblichen Fressbuden auf Plastikrasen, die übergehen in eine sandige Baustelle, die sich auf den zweiten Blick als Versuch eines "Street- Beach" entpuppt, mit ein paar wie vergessen wirkenden Liegestühlen. Stadtwüste.

Auf dem kaugummigesprenkelten Alexanderplatz hat die ans Berolina-Haus und den Bahnhof angrenzende "Galeria Kaufhof" in der Außenhaut aus hellbraunem Tavertin immerhin die Anmutung der Behrens-Bauten aufgenommen. An Stelle des kriegszerstörten Jugendstilkaufhauses Tietz errichtet, ist vom einstigen "Centrum"-Warenhaus mit seiner Gitterfassade kaum etwas geblieben. Im Inneren soll das offene Treppenhaus mit dem angedeuteten Lichthof zumindest anspielen auf die einst von Glaskuppeln gekrönten Konsumkathedralen.

Draußen an den Hauptbau angefügt ist jedoch ein fensterloser Betonriegel, der den Alexanderplatz nach Nordosten blockt und den Kaufhof ganz unvermittelt mit dem schmuddeligem Sockelkasten am "Park Inn" verbindet. Über Geschmack lässt sich streiten, über so viel Geschmacklosigkeit nicht. Also sinkt man gleich nebenan am "Brunnen der Völkerfreundschaft" nieder, sieht die bepackten Leute am Wochenende und denkt: Der Alexanderplatz ist nicht tot. Aber er lebt auch nicht. Viele Shopper, kein Flaneur, alles auf Durchzug. Und wieder weg.

Reden wir nicht mehr von den Hochhausplänen, die irgendwann nordöstlich vom Alexanderplatz an die Skyline-Utopien Mies van der Rohes vor 80 Jahren anknüpfen sollen. Wer nämlich hat das jetzt Entstehende und schon Entstandene geplant? Der Senat hat seit 1992 Wettbewerbe veranstaltet, im Folgejahr ein so nie realisiertes Konzept von Hans Kolhoff prämiert und dann offenbar ohne Rücksicht auf Konturen, Harmonien oder bewusste Kontraste ein architektonisches Desaster genehmigt. Was aber hat der zwischen 1991 und 2006 so scheinbar allmächtige Stadtbaudirektor Hans Stimmann, der sich zur "Wiedergewinnung historischer Stadträume" bekennt, in diesen Jahren an diesem Ort gemacht?

Und es geht weiter so. Niemand dürfte zum Beispiel in der Hamburger Hafencity, in der spektakulären ehemaligen Speicherstadt an der Elbe das anrichten, was jetzt als grellste Geschmacklosigkeit neben den "Labels"-Lagerhallen in Friedrichshain an die Spree gesetzt werden soll. Gerade bei der ufernahen Bebauung gibt es in Berlin ja geglückte Gegenbeispiele: die gläsernen Türme des Innenministeriums im Spreebogen, das feine "Band des Bundes" vom Paul-Löbe-Haus über den Fluss hinüber zur Parlamentsbibliothek. Oder das ältere, Backsteinarchitektur und Stahl-Glas-Beton-Moderne spannend verbindende Kulturcenter des Radialsystems zwischen Ostbahnhof und Jannowitzbrücke.

Ganz anders aber, was beiderseits der Weidendammer Brücke an der Friedrichstraße droht oder schon im Rohbau ist: Während die Berliner Traufhöhen-Politik klare, schlanke Hochhausbauten, ausgenommen am Potsdamer Platz, weitgehend verhindert hat, erdrücken nun mittelhohe Klötze wie der des neuen "Spreedreiecks" ihre Umgebung voll ungeschlachter Wucht. Der tiefer liegende Schiffbauerdamm mit dem Berliner Ensemble wird so vom Kontext der Innenstadt abgeschnitten, und direkt neben dem historischen Brecht-Theater soll demnächst auch noch eine bedrängende, in nichts zur baulichen Formensprache des übrigen Schiffbauerdamms passende Apartment-Stufenpyramide erstehen.

In Mitte entwickelt sich dagegen auch exzellente Wohn- und Büroarchitektur, etwa zwischen Auswärtigem Amt, Hausvogteiplatz und Jägerstraße. Und es gibt zum Kontrast die vielen Bausünden auch des alten neuen Westens, vom politisch gestutzten Jahn-Bau am Kranzler-Eck, vom verwahrlosten Breitscheidplatz bis zum Billig-Motel neben dem klassizistischen Theater des Westens.

Nicht abstrakte pedantische Regularien, wie in einer neuerdings diskutierten Gestaltungssatzung für die "historische Mitte", helfen Berlins Stadtplanung bei so viel Niveaugefälle weiter. Der Pei-Bau war, einst von Kanzler Kohl gewünscht, als genialer Kontrapunkt zum barocken Zeughaus nur durch die Missachtung der generellen Baubürokratie möglich. Es geht daher um ästhetische Maßstäbe im jeweils konkreten Fall. Um neue Aufmerksamkeit für Formen, Proportionen und Wirkungen. Es geht, mit Pathos und Präzision gesagt: um den völlig unterentwickelten Sinn für Schönheit. Denn Berlin soll schöner werden. Was sonst.



Die Riesen kommen kleckerweise

Über ein halbes Dutzend Wolkenkratzer direkt am Alexanderplatz? Möglich wäre es. Der Baustadtrat von Berlin-Mitte rechnet allerdings zunächst nur mit 2 neuen Hochhäusern am Alex. Im Gegensatz zu Wowereit mag er den Platz in Mitte.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 25. August 2008, Seite 10 (Berlin) von CHRISTIAN VAN LESSEN. [Original]

BERLIN (Tsp). Über ein halbes Dutzend neuer Hochhäuser könnten sich direkt am Alexanderplatz gruppieren, für 2 davon sieht Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) so gute Chancen, dass sie "sofort gebaut werden dürften". Zum einen wäre das ein 150-Meter-Turm neben dem Alexa-Einkaufszentrum, zum anderen ein ebenso hoher auf dem Gelände, auf dem gerade das Geschäftshaus "die neue Mitte" entsteht. Dieser Bau, der auf der Seite zur Grunerstraße fast fensterlos ist, dem Alex teilweise auch die Kehrseite zeigt, hatte kürzlich den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) erzürnt: Das alles sehe ziemlich hässlich aus.

Direkt an dieser fensterlosen Brandwand des neuen Geschäftshauses aber könnte das Hochhaus errichtet werden, das Baurecht liegt vor, konkrete Pläne des Investors Hines gibt es noch nicht. Gothe aber glaubt, dass hier und direkt am Alexa am ehesten der Bau einer Hochhausreihe beginnen kann, für die der städtebauliche Wettbewerb von 1993 (gewonnen von Hans Kollhoff) die Weichen gestellt hat.

Dass diese Skyline je verwirklicht wird, ist in den letzten Jahren immer wieder bezweifelt worden und nach Ansicht des Baustadtrats eine "Frage der Jahrzehnte". Er glaubt aber, dass die Hochhäuser kommen, es lasse sich "planungsrechtlich nicht mehr umdrehen". Der Senat, dessen städtebauliche Verträge von einem Baubeginn bis 2013 ausgehen, rechnet damit, dass sich der Bau bis spätestens 2018 hinziehen kann. Eine zwingende Bau-Verpflichtung gibt es nicht, die wirtschaftliche Situation der Bauherrn muss berücksichtigt werden. An der Hochhausplanung werde aber festgehalten, versicherte kürzlich Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD).

Stadtrat Gothe betonte gestern, er finde den Alexanderplatz schön, und er werde durch die gerade gebaute Tiefgarage, die oberirdische Stellflächen überflüssig mache, an Attraktivität noch gewinnen. Er teile allerdings die Kritik an der fast fensterlosen Fassade, mit der das gerade gebaute Geschäftshaus "die neue Mitte" das Gegenüber zum fast fensterlosen Alexa-Einkaufszentrum bildet. Nur hätte der künftige "Ankermieter", ein Elektronikmarkt, geschlossene Wände verlangt, da habe der Bauherr "nur begrenzt Einfluss", meinte Gothe. Der Bezirk könne bei einem Warenhaus dieser Art nicht – anders als bei einem Bürohaus – Fenster vorschreiben. Deshalb habe auch das Alexa, in dem ebenfalls ein Elektronikmarkt untergebracht sei, kaum Fenster. Der Umbau des Kaufhofes sei dagegen gut gelungen, er zeige Fenster, die er hinter der Wabenfassade des einstigen Centrum-Warenhauses nicht gehabt habe.

Das Bauwerk, das gerade am Alex entstehe, werde aber, so Gothe, zum Platz hin eine große Fensterfront haben, dahinter Rolltreppen, und den künftigen Kunden böte sich ein phantastischer Blick auf den Alexanderplatz. Der Regierende Bürgermeister hatte, als er kürzlich über den Platz schimpfte, einen größeren Überblick, weil er vom 14. Stock des einstigen Haus des Reisens in die Tiefe sah. Auch dieses Gebäude soll nach der noch gültigen Hochhausplanung einem 150-Meter-Riesen weichen. Aber es lässt sich offensichtlich auch so gut vermieten. Gebaut werden dürfen Wolkenkratzer dieser Größenordnung unter anderem auch auf dem Kaufhof-Gelände, auf dem Hotelgelände des Hochhauses Park Inn, auf dem langgestreckten Areal des bundeseigenen Immobilienunternehmens TLG. Aber auch hier gibt es bislang keine konkreten Vorstellungen, auch diese Gebäude sind gut vermietet, so dass der Bezirk Bauanträge vorerst nicht erwartet.

Die Hochhaus-Euphorie der neunziger Jahre ist bei den Stadtplanern verflogen, taucht aber immer wieder auf, wenn Grundstückseigentümer wie Sonae neue Pläne ankündigen. Im letzten Jahr war der Verkauf eines Areals für das Hochhaus in Aussicht gestellt, das möglichst schon 2010 stehen sollte. Da war auch wieder von neuem Schwung für die Wolkenkratzer-Skyline die Rede, deren Architektur völlig offen ist. Insgesamt 13 Hochhäuser mit über 40 Stockwerken hatte der städtebauliche Siegerentwurf vorgegeben, für 8 gibt es das Baurecht. Gothe glaubt nicht, dass es Investoren gibt, die planungrechtliche Chancen ungenutzt verstreichen lassen und "nicht scharf darauf sind, bauen zu dürfen".

Aber wenn gebaut wird, sind es zunächst wohl nur so genannte Sockelgeschosse, wie bei der "neuen Mitte". Aber der Platz hat mit dem neuen Kaufhof, dem sanierten Berolina-Haus, nicht zuletzt auch durch das Alexa, im wahrsten Sinne an Farbe gewonnen, gilt als zunehmend interessanter Immobilienstandort.

Mit Investoren wie Hines und Kaufhof verhandelt Gothe derzeit Tiefgründigeres: Wie sich Millionen von Kaugummiresten, die Klaus Wowereit auch erzürnt hatten, beseitigen lassen. Vor allem fehlt es an Geld, um den Platz zukünftig besser und öfter zu reinigen. "Aber wir sind auf gutem Weg", sagte Gothe. Das ist ihm erst mal wichtiger als neue Hochhäuser.



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