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Energische Schritte . . . |
gegenüber der Regierung der Sowjetunion zu unternehmen, sei ein Vorschlag, den er den
Kommandanten der westlichen Schutzmächte für ihre Regierungen unterbreitet habe; das
berichtete der Regierende Bürgermeister Willy Brandt am 13. August 1961 dem
Abgeordnetenhaus von Berlin, das in den Abendstunden zu einer Sondersitzung zusammengetreten
war. Ferner teilte er mit, daß der Senat in den Morgenstunden des gleichen Tages
ebenfalls zu einer Sondersitzung zusammengetreten sei, in der alle erforderlichen
Maßnahmen für die Sicherheit der West-Berliner Bevölkerung eingeleitet worden
seien. Wörtlich sagte der Regierende Bürgermeister Willy Brandt:
Die
Westmächte müssen unserer Meinung nach darauf bestehen, daß die rechtswidrigen
Maßnahmen rückgängig gemacht werden und die Freizügigkeit
wiederhergestellt wird. (...)
Wir werden uns niemals mit der brutalen Teilung dieser
Stadt abfinden!
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Über 500.000 Berliner . . . |
versammelten sich am 16. August 1961 auf dem Rudolph-Wilde-Platz und in den umliegenden
Straßen zu der machtvollsten und größten Kundgebung, die je vor dem Rathaus
Schöneberg stattgefunden hatte. Dieses Willensbekenntnis der Berliner wurde
abgesehen vom Rundfunk nicht nur vom Deutschen Fernsehen übertragen, sondern von 13
ausländischen Fernsehgesellschaften in alle Teile der freien Welt ausgestrahlt.
Bürgermeister Franz Amrehn erklärte: Gegen alle Menschlichkeit sind die
natürlichen Bande der deutschen Hauptstadt zerschnitten, Familien auseinandergerissen und
ein großer Teil unseres Volkes in ein riesiges Gefängnis gesperrt worden. Das ist
ein Verbrechen am deutschen Volk! Wir wissen schon lange, daß Hitler in der Zone
weiterlebt. Nicht erst seit dem 13. August wird dort auf den Menschenrechten herumgetrampelt.
Aber seit diesem Tage will man diese Rechte völlig auslöschen. Mit dem
Stacheldrahtverhau wird der Ostsektor der Stadt gewaltsam aus dem Viermächtegebiet
herausgerissen. Die Stationierung zonaler Militärverbände in Berlin ist ein
offenkundiger Bruch der Viermächtebestimmungen über den Status unserer Stadt; mehr
noch: die Aktion vom 13. August ist ein entscheidender sowjetischer Stoß gegen das
vielberufene Potsdamer Abkommen, mit dem uns auch die Sowjetunion die Einheit Deutschlands
zugesichert hat. (...) Ihr Völker! Macht das Recht stärker als die Gewalt.
Wenn Ihr Frieden wollt, dann gebt dem deutschen Volk endlich die
Selbstbestimmung!
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Berlin kapituliert nicht . . . |
das rief der Regierende Bürgermeister Willy Brandt der ganzen Welt auf der
Kundgebung vor dem Rathaus Schöneberg am 16. August 1961 zu. Wörtlich erklärte
er:
Ich halte es in dieser Situation für notwendig, daß vor dem Weltforum
der Vereinten Nationen Anklage erhoben wird gegen die Urheber jener Unmenschlichkeit, die sich
auf dem Boden Berlins und auf dem Boden des Ulbricht-Staates vollzieht. Dabei geht es nicht um
die Rechte der Westmächte in Berlin, sondern es geht darum, daß die Menschenrechte
wiederhergestellt werden. (...)
Was sich am 13. August ereignet hat, ist ein
Anschlag auf die Moral des deutschen Volkes. (...)
Es kann keine Stadt in der Welt
geben, die den Frieden und die Ruhe und die Sicherheit mehr wünscht als Berlin. Aber noch
niemals ist der Frieden durch Schwäche gerettet worden. Es gibt einen Punkt, an dem
bekannt werden muß, daß man keinen Schritt mehr zurückweicht. Dieser Punkt
ist erreicht. Es geht hier nicht um West-Berlin, es geht hier darum, daß dem Westen eine
entscheidende Niederlage beigebracht werden soll. Aber ich sage auch, daß der Frieden
seit dem 13. August 1961 unsicherer geworden ist. Was sich in den letzten drei Tagen hier
abgespielt hat, das ist auf einem kleinen Platz, aber nicht weniger bedeutsam
eine neue Auflage der Besetzung des Rheinlandes durch Hitler. Nur heißt der Mann heute
Ulbricht. In den vor uns liegenden Wochen und Monaten wird es darum gehen, daß Berlin
nicht ein neues München wird.
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Endlich die richtige Sprache . . . |
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Bei dicht an der Grenze stehenden Häusern wurden sogar die Fenster zugemauert.
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nannte der Regierende Bürgermeister Willy Brandt die gleichlautenden Protestnoten, die am
17. August 1961 von den drei Westmächten im Moskauer Außenministerium
übergeben wurden; zwei Tage zuvor hatten die Westalliierten Stadtkommandanten in Berlin
bereits Protestschreiben an den sowjetischen Stadtkommandanten gerichtet. In der
amerikanischen Note, die dem Kreml überreicht wurde, hieß es unter anderem:
Die Demarkationslinie zwischen dem Ostsektor und den Westsektoren ist keine Staatsgrenze.
Die amerikanische Regierung hält die Maßnahme, die die ostdeutschen Behörden
getroffen haben, für illegal. Sie erinnert daran, daß sie den Vorwand, nach dem der
Sowjetsektor von Berlin zur »Deutschen Demokratischen Republik« und Berlin zu ihrem
Staatsgebiet gehört, nicht akzeptiert. Ein solcher Vorwand ist bereits an sich eine
Verletzung des feierlich unterzeichneten Vertrages über die Besatzungszonen in Deutschland
und die Verwaltung von Groß-Beriin. Außerdem kann die amerikanische Regierung das
Recht der Behörden Ostdeutschlands nicht anerkennen, ihre Streitkräfte in den
Sowjetsektor Berlins eindringen zu lassen. Die amerikanische Regierung fordert die Regierung
der Sowjetunion auf, diese illegalen Maßnahmen zu beenden. Sie macht sie auf die
Tatsache aufmerksam, daß diese einseitige Abänderung des Viermächtestatus die
Spannung und die bestehenden Gefahren nur vergrößern kann.
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Eine politische Bankrotterklärung . . . |
seiner 16-jährigen Gewaltherrschaft habe das Ulbricht-Regime gegenüber der gesamten
Welt mit der Durchführung seiner Abriegelungsmaßnahmen klar und
unmißverständlich abgegeben so hieß es in der
Regierungserklärung, die Bundeskanzler Konrad Adenauer in einer Sondersitzung des
Deutschen Bundestages am 18. August 1961 abgab. Mit diesen Maßnahmen hat das
Ulbricht- Regime bestätigt, daß die Ausübung des Selbstbestimmungsrechtes durch
das deutsche Volk zur Erhaltung des Weltfriedens unaufschiebbar geworden ist. Die Abmachungen
der Sowjetunion mit den drei westlichen Mächten wurden zerrissen; die Panzer der
»Volksarmee«, die »Volks«polizei und die »Betriebskampfgruppen«,
die in und um Ostberlin zusammengezogen wurden, um einen rechtswidrigen Angriff gegen den
Status der Stadt Berlin militärisch zu unterstützen, geben eine Vorahnung dessen, wie
die Garantie einer sogenannten Freien Stadt beschaffen wäre. Wie das deutsche Volk
über die brutalen Maßnahmen in Ostberlin denkt, wäre leicht zu ermitteln. Es
würde genügen, alle Deutschen in der Bundesrepublik, in der sowjetisch besetzten Zone
und in ganz Berlin darüber zu befragen. Die Antwort wäre eine leidenschaftliche
Verurteilung durch die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes.
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Das Ventil ist geschlossen . . . |
durch das der Überdruck aus dem Ulbricht-Staat bisher entweichen konnte, denn Berlin ist
nicht mehr der Ort, zu dem die Menschen kommen konnten, um die Luft der Freiheit zu atmen, um
sich neue Kraft zu holen, bevor sie in ihren grauen Zonenalltag zurückkehren,
erklärte der Regierende Bürgermeister Willy Brandt in der Sondersitzung des Deutschen
Bundestages am 18. August 1961.
Für die Stadt Berlin ist eine neue Lage
entstanden. Man wird der Lage nicht gerecht, wenn man die Unzahl menschlicher Tragödien
nicht im Auge hat, die sich in diesen Tagen in Berlin abgespielt haben. Mitten durch eine
Stadt (...)
sind die Betonpfähle einer Grenze eingerammt worden, die zu einer
Art Chinesischen Mauer ausgebaut wird. Es geht nicht um Berlin allein, es geht um das kalte
Ungarn, das sich im anderen Teil Deutschlands und im Ostsektor Berlins vollzogen hat. Deshalb
ist es die Meinung Berlins, daß vor allem eine Initiative ergriffen werden
müßte, um die flagrante Verletzung der Menschenrechte international zu brandmarken.
Der Schutz der Menschenrechte ist eine ureigene Aufgabe der Vereinten Nationen. Den Weg vor
das Weltforum kann man sich nicht aufheben für den Fall, daß eine Welt zu brennen
beginnt. (...)
Was in Ostberlin geschehen ist, das ist der Einmarsch einer Armee in
ein Territorium, in dem sie nichts zu suchen hat. Die sogenannte Volksarmee mit ihren
Nebenorganisationen hat Ostberlin annektiert.
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Ein Spalier jubelnder Berliner . . . |
begrüßte den Vizepräsidenten der USA, Lyndon B. Johnson, als er in Begleitung
von Sonderbotschafter CharIes Bohlen und General Lucius D. Clay am 19. August 1961 im Auftrage
von Präsident John F. Kennedy zu einem Besuch in Berlin eintraf. Eine halbe Million
Berliner begrüßte ihn während seiner Fahrt vom Zentralflughafen Tempelhof zum
Rathaus Schöneberg. Auf der Rathaustreppe sprach er zu über 300.000 Berlinern, die
sich auf dem Rudolph-Wilde-Platz versammelt hatten:
Präsident John F. Kennedey,
ich selber und die gesamten Vereinigten Staaten möchten Sie wissen lassen, daß die
Zusage, die Freiheit West-Berlins und seiner Zugangswege zu verteidigen, fest und bindend
ist. An die Bewohner Ostberlins wandte er sich in seiner von allen deutschen sowie
von vielen ausländischen Rundfunk- und Fernsehstationen übertragenen Ansprache mit
folgenden Worten:
Verlieren Sie den Mut und das Vertrauen nicht. Tyranneien sehen
immer so aus, als seien sie für die Ewigkeit gemacht. Aber ihre Tage sind
gezählt.
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Amerika kennt seine Pflichten . . . |
und ist entschlossen, sie zu erfüllen das betonte Vizepräsident Lyndon B.
Johnson vor dem Abgeordnetenhaus von Ber!in, das am 19. August 1961 zu einer Sondersitzung
zusammengetreten war. Zuvor hatte sich der zweithöchste Repräsentant der USA in das
Goldene Buch von Berlin eingezeichnet.
Wir in den Vereinigten Staaten und unsere
Verbündeten, erklärte Vizepräsident Lyndon B. Johnson im Plenarsaal
des Abgeordnetenhauses,
haben nicht die Absicht, uns kriegerisch zu gebärden,
aber wir lassen uns auch nicht herumschubsen. Wir dürfen keine Furcht zeigen, aber wir
müssen bereit sein, immer für die Freiheit und für den Frieden zu
kämpfen. (...)
Ich komme hierher in einem Moment der Spannung und Gefahr
für Ihr Leben, für das Leben meiner Landsleute und für das gesamte Leben der
freien Welt. Eine Stacheldrahtgrenze ist mitten durch Ihre Stadt gezogen worden. Die Grenze
hat für Sie und was noch wichtiger ist für Ihre Brüder im Osten
lebenswichtige menschliche und gesellschaftliche Bande zerschnitten. Bande, die hineingreifen
in das Leben der Familien und Freunde und in das Leben dieser großen Stadt. Ich verstehe
den Schmerz und die Empörung, die Sie fühlen. Der Stacheldraht ist vorhanden, und er
wird durch eine Handbewegung nicht verschwinden. Aber auf lange Sicht gesehen, wird dieses
unkluge Vorgehen fehlschlagen. (...)
Diese Insel steht nicht allein. Die Berliner
sind ein lebenswichtiger Teil der Gemeinschaft aller freien Menschen. Sie sind verbunden mit
den Menschen in Hamburg, Bonn und Frankfurt; sie sind ebenso verbunden mit den Menschen in
jeder westeuropäischen Stadt, mit den Menschen in Kanada und in den Vereinigten Staaten,
ebenso verbunden mit den Menschen in jedem Teil der Welt, die in Freiheit leben und bereit
sind, dafür zu kämpfen.
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Wir beugen unsere Nacken nicht . . . |
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Flucht mit wenig Habseligkeiten nach West-Berlin.
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unter das Joch einer neuen Diktatur, ganz unabhängig davon, mit welcher Farbe eine
Diktatur ausgestattet sein mag, rief der Regierende Bürgermeister Willy Brandt in der
Sondersitzung des Abgeordnetenhauses am 18. August 1961 aus. Berlin stehe auf der Seite
derer, die alles für den Frieden einsetzten.
Alles, was diese Stadt geworden
ist (...),
ist das Resultat vertrauensvoller Zusammenarbeit, einer Zusammenarbeit
nicht zuletzt, sondern gerade auch mit unseren amerikanischen Freunden. In Berlin stand die
Wiege der deutsch-amerikanischen Freundschaft. Wir befinden uns inmitten einer schweren Krise,
aber wir werden durch diese Krise hindurchkommen. (...)
Ich weiß: Recht und
Freiheit werden hier nicht untergehen!
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In einem Triumphzug . . . |
ohnegleichen wurde eine 1500 Mann starke amerikanische Kampfgruppe von den Berlinern eingeholt,
als sie am 20. August 1961 zur Verstärkung der amerikanischen Garnison in West- Berlin
eintraf. Die Kampfgruppe wurde von Vizepräsident Lyndon B. Johnson begrüßt,
der seinen Landsleuten zurief:
Noch nie hat in der Vergangenheit eine
größere Verantwortung auf amerikanischen Truppen als Wächtern des Friedens
gelastet als jetzt in Berlin. In allen Straßen, durch die diese motorisierte
amerikanische Infanterieeinheit anschließend in ihre Quartiere fuhr, winkten ihr
Hunderttausende freudig zu. Am gleichen Tage traf in West- Berlin ein Transport britischer
Panzerfahrzeuge zur Verstärkung der Berliner Garnison ein. Auch Frankreich kündigte
an, daß es seine Garnison in Berlin verstärken werde.
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Eine Rundfahrt durch West-Berlin . . . |
unternahm Vizepräsident Lyndon B. Johnson am 20. August 1961 sowohl in den Vormittags-
als auch in den Nachmittagsstunden. Die vorgesehene Fahrtstrecke mußte mehrfach
geändert und zum aufrichtigen Bedauern vieler Beriiner auch gekürzt
werden, da die Herzlichhkeit des Empfanges keine Rücksichten auf Absperrungen und auf das
Protokoll nahm. Geradezu enthusiastisch war der Empfang, der dem amerikanischen Gast im
Notaufnahmelager Marienfelde bereitet wurde. Eine Rundfahrt durch Ostberlin machten
Sonderbotschafter CharIes Bohlen und General Lucius D. Clay ebenfalls am 20. August 1961.
Nach ihrer Rückkehr stellte der amerikanische General fest:
lch fand Ostberlin
deprimierend. Die Stadt gleicht einem Heerlager. Ich habe dort mehr Soldaten gesehen als im
Jahre 1945.
rief Vizepräsident Lyndon B. Johnson den Berlinern zu, als er sich am 21. August 1961 um
vier Uhr morgens von ihnen verabschiedete. Trotz der frühen Morgenstunde hatten sich
wiederum Hunderte von Berlinern eingefunden, die dem scheidenden Vertreter des amerikanischen
Präsidenten Blumen zuwarfen. In seiner Abschiedsbotschaft an das Volk von Berlin hatte
Vizepräsident Lyndon B. Johnson erklärt:
lch habe jetzt die Seele einer
Stadt gesehen und ein Volk, das sich der Eroberung niemals unterwerfen wird. Ich werde dem
Präsidenten und dem amerikanischen Volk sagen, daß die Westmächte die
Vereinigten Staaten, Frankreich und Großbritannien niemals bessere und treuere
Alliierte hatten als die Bürger dieser Stadt. Viele Jahre lang hat diese Stadt, die ihre
Leiden wie einen Glorienschein trug, unsere Bewunderung gefunden. (...)
Ich werde den
Amerikanern sagen, daß ich in West-Berlin (...)
die Früchte der Demokratie
gesehen habe. (...)
Ich grüße mit Hochachtung und Dankbarkeit die
großherzige Bevölkerung von West-Berlin, der Stadt der unbesiegbaren
Freiheit.
am 22. August 1961 traf Bundeskanzler Konrad Adenauer in Berlin ein, um sich
gleichfalls ein Bild von der Lage in West-Berlin zu machen. Nach einem Besuch im
Notaufnahmelager Marienfelde und einer Fahrt zu den Sektorengrenzen wohnte er einer
Sondersitzung des Senats bei, nach deren Abschluß mitgeteilt wurde, daß der
Regierende Bürgermeister Willy Brandt ein umfassendes Programm zur Stärkung
West-Berlins auf wirtschaftlichem, kulturellem und politischem Gebiet vorgeschlagen habe.
Es wurde, so hieß es in diesem Kommunique weiter, Einverständnis
darüber erzielt, daß der Senat ein entsprechendes Programm in allen Einzelheiten
ausarbeiten wird, das dann mit den Dienststellen der Bundesregierung abgestimmt werden soll.
Dabei wurde auch die gemeinsame Überzeugung zum Ausdruck gebracht, daß die
alliierten Garantien für West-Berlin und den freien Zugang durch die politischen
Maßnahmen der letzten Tage bekräftigt und die Verantwortung der drei Mächte
klargestellt wurden.